„Jungen nicht zu Mädchen erziehen“: Diese Schauspielerin spricht über eine oft verharmloste Realität

„Jungen werden nicht zu Männern, aber auch nicht zu Mädchen erzogen.“ Diese Aussage der britischen Schauspielerin Jameela Jamil löste in den sozialen Medien eine Welle der Empörung aus. Jenseits der Kontroverse verdeutlicht sie vor allem eine erzieherische Realität, die noch immer allzu oft verharmlost wird: die Art und Weise, wie Jungen sozialisiert werden, und was dies über unser Verhältnis zu Geschlecht aussagt.

Eine zum Nachdenken anregende Aussage… die Fragen aufwirft

Diese Aussage von Jameela Jamil im Podcast „Reclaiming with Monica Lewinsky“ löste zahlreiche Reaktionen aus. Manche empfanden sie als „provokativ“, andere als „zutiefst wahr“. Letztendlich bringt sie einen uralten Mechanismus auf den Punkt: Anstatt Jungen zu ermutigen, ihre menschlichen Qualitäten voll zu entfalten, werden sie vor allem dazu angehalten, sich von allem Weiblichen abzugrenzen. Weinen, Zweifeln, um Hilfe bitten, Zärtlichkeit zeigen … all diese Verhaltensweisen gelten oft als unvereinbar mit einem immer noch idealisierten Männlichkeitsbild.

Die Botschaft lautet nicht, dass Jungen „etwas anderes werden müssen“, sondern dass sie es verdienen, alles zu sein, was sie bereits sind: sensibel, kreativ, empathisch, verletzlich und stark zugleich. Es ist eine zutiefst körperpositive und humanistische Vision, die Emotionen als Stärke und nicht als Schwäche feiert.

Wenn Bildung unsichtbare Grenzen schafft

Schon von klein auf erhalten Kinder geschlechtsspezifische Botschaften, mal subtil, mal explizit. Ein kleines Mädchen wird für ihre Sanftmut gelobt, ein kleiner Junge zur Tapferkeit ermutigt. Puppen werden der einen Gruppe geschenkt, Autos der anderen. Weinen wird in der einen Gruppe toleriert, in der anderen missbilligt. Ohne es zu merken, tragen Eltern, Lehrkräfte, Medien und Institutionen alle dazu bei, emotionale Grenzen zu ziehen.

Viele Expertinnen und Experten für Geschlechtergerechtigkeit betonen jedoch, dass Emotionen nicht geschlechtsspezifisch sind. Ein Junge, der lernt, seine Gefühle zu erkennen und auszudrücken, entwickelt eine höhere emotionale Intelligenz, eine stärkere Kommunikationsfähigkeit und respektvollere Beziehungen. Ihm diese Möglichkeiten zu verweigern, kann hingegen Rückzug, Wut oder Schwierigkeiten, um Unterstützung zu bitten, verstärken.

Eine Neudefinition dessen, was es bedeutet, "ein Junge zu sein"

Die Kritik der Schauspielerin und britischen Fernseh- und Radiomoderatorin Jameela Jamil richtet sich nicht gegen Jungen an sich, sondern gegen das ihnen vermittelte einengende Modell. Junge sein sollte nicht bedeuten, „stark gegen andere“ zu sein, sondern stark mit sich selbst. Es sollte nicht bedeuten, zu dominieren, sondern zusammenzuarbeiten. Und es sollte auch nicht bedeuten, seine Gefühle zu verbergen, sondern zu lernen, sie zu verstehen und zu kanalisieren.

Bildung neu zu denken bedeutet auch, Jungen die Freiheit zu geben, Tanz, Zeichnen, Lesen, Sport, Naturwissenschaften oder all das gleichzeitig zu lieben. Es bedeutet, ihnen zu erlauben, zärtlich zu sein, ohne verurteilt zu werden, sensibel, ohne verspottet zu werden, und ehrgeizig, ohne von unrealistischen Erwartungen erdrückt zu werden. Kurz gesagt, es bedeutet, ihnen das Recht zu geben, sich als ganze Menschen zu entfalten.

Eine Kontroverse, aber vor allem eine Einladung

Wie so oft hat diese Aussage Kontroversen ausgelöst. Manche sehen sie als „Übertreibung“, andere als „eine beunruhigende, aber notwendige Wahrheit“. Jenseits der Kontroverse eröffnet sie einen wertvollen Raum für Reflexion: Wollen wir Kinder weiterhin nach starren Rollen erziehen oder wollen wir sie zu einer freieren, sanfteren und respektvolleren Version ihrer selbst und anderer führen?

Dieses Thema betrifft Jungen und Mädchen gleichermaßen, denn die Befreiung des einen befreit auch das andere. Indem wir starre Muster aufbrechen, schaffen wir eine Gesellschaft, in der sich jeder Mensch selbstbewusst, authentisch und mitfühlend entfalten kann.

Letztendlich bietet die Erziehung von Jungen, ohne sie gegen „Weiblichkeit“ auszuspielen, ihnen eine wertvolle Chance: die Möglichkeit, sich in ihrem Körper, ihren Gefühlen und ihren Beziehungen wohlzufühlen. Sie ermöglicht es ihnen, mit einem starken Selbstwertgefühl, der Fähigkeit zu gesunder Liebe und einer ausgewogeneren Weltsicht aufzuwachsen. Und was wäre, wenn das Ziel von Bildung im Grunde nicht darin bestünde, „richtige“ Männer oder Frauen zu formen, sondern erfüllte, sensible, selbstbewusste und respektvolle Menschen heranzubilden? Vielleicht ist das die wahre Botschaft hinter Jameela Jamils Aussage, die so viele Diskussionen ausgelöst hat.

Fabienne Ba.
Fabienne Ba.
Ich bin Fabienne, Autorin für die Website „The Body Optimist“. Ich bin begeistert von der Kraft der Frauen und ihrer Fähigkeit, die Welt zu verändern. Ich glaube, Frauen haben eine einzigartige und wichtige Stimme, und es ist mir ein Anliegen, meinen Beitrag zur Gleichberechtigung zu leisten. Ich unterstütze nach Kräften Initiativen, die Frauen ermutigen, sich Gehör zu verschaffen.

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