Falten, graue Haare, Kleidungsstil, Schönheitsoperationen … ab 45 Jahren scheinen Frauenkörper ständig im Mittelpunkt der Diskussionen zu stehen. Dabei ist Altern ein natürlicher Prozess, der jeden betrifft. Warum also werden Frauen weiterhin so genau beobachtet, beurteilt und kommentiert?
Diese Standards sind leider nicht neu.
Die Art und Weise, wie Frauen im Alter betrachtet werden, ist alles andere als neu. Bereits 1972 prägte die amerikanische Essayistin Susan Sontag die These vom „Doppelstandard des Alterns“: die Vorstellung, dass die Gesellschaft Frauen im Alter viel strenger beurteilt als Männer. Männer werden im Alter oft höher geschätzt und mit „Erfahrung“, „Charisma“ oder „Reife“ assoziiert. Frauen hingegen werden noch immer viel zu oft primär nach ihrem Aussehen beurteilt. Die Folge? Die Zeichen des Alterns werden als Makel wahrgenommen, der korrigiert werden muss, anstatt als normale Lebensphase betrachtet zu werden.
Die Falle widersprüchlicher Gebote
Das Frustrierendste ist, dass es scheinbar unmöglich ist, alles richtig zu machen. Zeigt man Falten? Dann wird einem vorgeworfen, sich gehen zu lassen. Entscheidet man sich für Schönheitsbehandlungen oder eine Operation? Dann heißt es, man wolle jünger aussehen. Dasselbe gilt für Kleidung: Man soll sich altersgerecht kleiden, ohne als zu klassisch oder zu modern zu gelten. Diese ständige Kritik hält Frauen in einem Teufelskreis widersprüchlicher Erwartungen gefangen, in dem jede Entscheidung Anlass für Kommentare bietet.
Unsichtbar… aber immer beobachtet
Viele Frauen berichten, dass sie sich ab 45 oder 50 Jahren in den Medien weniger repräsentiert oder in bestimmten Bereichen weniger wertgeschätzt fühlen. Gleichzeitig wird ihr Aussehen weiterhin bis ins kleinste Detail analysiert. Dieser Widerspruch verdeutlicht, wie sehr das Aussehen von Frauen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Als ob der Körper einer Frau unabhängig vom Alter immer von öffentlichem Interesse wäre. Doch der Körper einer Frau steht nicht zur Debatte. Genauso wenig wie der Körper anderer Menschen.
Die Mentalitäten verändern sich.
Zum Glück ändert sich die Situation allmählich. Immer mehr Frauen setzen sich für ihr Recht ein, selbstbestimmt zu altern, ohne sich den Erwartungen anderer anpassen zu müssen. Die Gespräche über die Wechseljahre werden offener, die Body-Positivity-Bewegung thematisiert zunehmend altersbedingte Probleme, und die Repräsentation von Frauen wird vielfältiger. Älterwerden bedeutet nicht, „unsichtbar“ oder „überholt“ zu werden. Mit 45, 50, 60 oder älter bleibt jede Frau frei, sie selbst zu sein, zu tragen, was sie mag, ihre grauen Haare stolz zu zeigen, sie zu färben, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen … oder eben nicht.
Letztendlich liegt es daran, dass der Körper von Frauen über 45 immer noch so viel Gesprächsstoff bietet, weil sexistische und altersdiskriminierende Normen weiterhin vorschreiben, wie sie auszusehen haben. Es ist an der Zeit, eine grundlegende Wahrheit zu bekräftigen: Niemand sollte sich für sein Aussehen, sein Alter oder seine Entscheidungen rechtfertigen müssen. Jede Frau hat das Recht, frei mit ihrem Körper zu leben, ohne auf ihr Äußeres reduziert oder dem Urteil anderer ausgesetzt zu sein. Denn letztendlich zählt nur ihre eigene Meinung.
