Um chronischen Stress abzubauen, kneten manche Menschen Schaumstoffbälle, spielen mit speziell geformten Ringen oder drücken gallertartige Gegenstände. Chinesische Internetnutzer hingegen lassen ihren Frust an schwarzhäutigen Puppen namens „Natasha Dolls“ aus. In den sozialen Medien entladen sie ihren Ärger an diesen formbaren Figuren, und das Ganze gleicht eher einem Ausbruch von Hass als einem entspannenden Moment.
Schwarze Puppen werden ohne Mitgefühl behandelt
Stress ist unbestreitbar die Krankheit des 21. Jahrhunderts. Er ist eine Geißel, die keine Grenzen kennt, und jeder hat seine eigenen Methoden, um diese schwer fassbare innere Ruhe zu finden und seine Gedanken zu ordnen. Manche greifen mit den Fingern in glitzernde Silikonkugeln, andere praktizieren Achtsamkeitsmeditation auf ihren Bürostühlen. Die Chinesen hingegen lassen ihren Ärger und ihre unterdrückten Gefühle an einer Puppe namens „Natasha-Puppe“ aus, dem chinesischen Pendant zu diesen weichen Silikonkugeln.
Es sieht aus wie ein kleines Baby, nur mit einer bunten Windel bekleidet. Anders als Porzellanpuppen, die beim kleinsten Missgeschick zerbrechen, überstehen diese Modelle jede noch so grobe Behandlung. Sie verformen sich zwar unter geballten Fäusten und absichtlichem Rütteln, kehren aber schnell in ihre ursprüngliche Form zurück. Mit seinen sichtbaren Fältchen, dem runden Gesicht, dem harmlosen Ausdruck und dem niedlichen Aussehen kann man sich kaum vorstellen, dass jemand diesem Baby mit seiner weichen Haut etwas antun würde. Doch chinesische Internetnutzer setzen es unverhältnismäßiger Gewalt aus und unterziehen es regelrechten Crashtests. Es ist fast schon eine persönliche Racheaktion.
Das Beunruhigende an diesen Videos ist, dass sie durchweg Puppen mit dunkler Haut zeigen. Die auf TikTok kursierenden Inhalte sind schockierend brutal. Unter dem Vorwand, „loszulassen“, schlagen Nutzer die Puppen, übergießen sie mit kochendem Wasser, treten gnadenlos auf sie ein und zerstückeln sie. Andere amüsieren sich damit, ihre Haut mit Make-up zu bleichen oder sie wie Pfannkuchen plattzudrücken.
Es sei „entmenschlichend“, schreien Internetnutzer und prangern Rassismus an.
Die Personen, die dieser Natasha-Puppe Schmerzen zufügen, scheinen sich nicht zu entspannen oder Spannungen abzubauen, sondern die Puppe zu quälen und ihre vollständige Zerstörung anzustreben. So empfanden es zumindest Internetnutzer beim Anblick dieser Bilder, die die Gefühle von People of Color wahrscheinlich verletzen. Sie halten dies für unbegründete Feindseligkeit. „Niemand wird mich davon überzeugen, dass das harmlos ist. Es ist entmenschlichend“, sagt die Content-Creatorin @tanaissa, die diesen viralen Trend schnell für sich nutzte.
Sie fragen sich auch, warum Menschen chinesischer Nationalität schwarze Puppen als Sündenböcke benutzen. Sie weigern sich, dies als bloßen Zufall abzutun. Auf chinesischen Plattformen wie Red Notes rechtfertigen die direkt Beteiligten diese Wahl der Hautfarbe damit, dass ein weißes Baby zu menschlich und realistisch aussehen würde, um einer solchen Folter ausgesetzt zu werden. Mit anderen Worten: Ein schwarzes Baby wäre nur ein „Ding“, das man überfahren, aus dem fünften Stock werfen oder wie eine Socke anziehen könnte. Doch anstatt zu einem beschämenden Archiv zu werden, hat dieser Trend ungeahnte Ausmaße angenommen. Die Natasha-Puppen sind zu einem Nebenprodukt des allgegenwärtigen Rassismus geworden, der von virtuellen Filtern bis hin zu sauren Bonbons reicht.
@tanita.dee Das ist nicht einfach nur eine Puppe, das ist etwas viel Schlimmeres. #Puppe #Spielzeug #Meinung ♬ Originalton - Tanaïssa
Ähnliche rassistische Handlungen wurden von Verbänden verurteilt.
Die Verfolgung, die die Natasha Dolls erleiden mussten, ist nur die Spitze des Eisbergs. In den chinesischen sozialen Medien, wo die Regeln laxer sind und Zensur praktisch nicht existiert, werden Schwarze Menschen verhöhnt und zu „Freakshows“ degradiert. Wie das Medienportal Okafrique in einem erschütternden Video erklärt, zeigen ganze Kanäle Szenen, in denen Chinesen echte schwarze Babys misshandeln. Schutzlose, mittellose schwarze Kinder zu terrorisieren, ist auf diesen lokalen Plattformen ein gängiger Zeitvertreib.
Um dieser Normalisierung von Rassismus und den problematischen Inhalten im Internet entgegenzuwirken, haben Verbände entschieden reagiert. „Die chinesische Regierung sollte den im chinesischen Internet vorherrschenden Rassismus gegen Schwarze anerkennen und verurteilen sowie Maßnahmen zur Förderung von Toleranz und zur Bekämpfung von Vorurteilen ergreifen“, so Human Rights Watch .
Das Problem liegt daher nicht nur in der Brutalität der Videos, sondern auch in der Botschaft, die sie – bewusst oder unbewusst – vermitteln. Indem diese schwarzen Puppen wiederholt zu legitimen Zielen von Spott, Demütigung oder spektakulärer Zerstörung gemacht werden, besteht die Gefahr, dass diese Inhalte bereits tief verwurzelte Stereotype normalisieren.
