Es ist ein altbekanntes Phänomen: Während sich manche unter einer Decke einkuscheln, öffnen andere das Fenster und rufen: „Wie gemütlich!“ Und entgegen der landläufigen Meinung ist dieser Unterschied in der Kälteempfindung alles andere als bloße Laune. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Frauen tatsächlich häufiger frieren als Männer – und zwar aus ganz realen Gründen.
Eine Geschichte von Muskeln und Hitze
Der Körper produziert auf natürliche Weise Wärme durch seinen Stoffwechsel. Die Muskelmasse spielt dabei eine wichtige Rolle. Frauen haben jedoch bei gleichem Gewicht im Durchschnitt weniger Muskelmasse als Männer. Daher produziert ihr Körper in der Regel etwas weniger Wärme. Hinzu kommt ein oft niedrigerer Grundumsatz. Laut Daten von The Conversation ist der durchschnittliche Grundumsatz von Männern etwa 23 % höher.
Konkret bedeutet das, dass der männliche Körper Energie schneller verbrennt und täglich mehr Wärme erzeugt. Es ist daher keine Frage von Willenskraft oder mentaler Widerstandsfähigkeit, sondern schlicht ein normaler biologischer Unterschied.
Warum werden Hände und Füße schneller kalt?
Hormone spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei dieser Kälteempfindlichkeit. Östrogen und Progesteron beeinflussen die Durchblutung und fördern die Vasokonstriktion: Die kleinen Blutgefäße nahe der Haut verengen sich, insbesondere in den Extremitäten. Dadurch erhalten Hände, Füße und Ohren weniger warmes Blut und kühlen schneller aus.
Eine Studie der Universität Utah, veröffentlicht in The Lancet, stellte sogar fest, dass die Hände von Frauen im Durchschnitt etwa 3 °C kälter sind als die von Männern. Interessanterweise ist ihre Körperkerntemperatur tatsächlich etwas höher. Genau dieser Kontrast zwischen der erhaltenen Körperkernwärme und den kälteren Extremitäten verstärkt das Kälteempfinden.
Empfindungen, die sich je nach Zeitraum verändern
Das Kälteempfinden kann sich im Laufe des Menstruationszyklus verändern. Nach dem Eisprung steigt der Progesteronspiegel, wodurch die Körpertemperatur leicht ansteigt. Dieser Unterschied kann dazu führen, dass sich die Umgebungsluft im Vergleich kühler anfühlt und somit das Kälteempfinden verstärkt wird.
Schwangerschaft, Wechseljahre oder bestimmte Hormonbehandlungen können diese Wahrnehmung ebenfalls verändern. Anders ausgedrückt: Es ist durchaus möglich, eine Temperatur an einem Tag problemlos zu vertragen und wenige Tage später bei demselben Messwert einen dicken Pullover zu benötigen.
Im Büro ist der Thermostat nicht immer neutral.
Die Biologie erklärt nicht alles. Auch die Geschichte der Temperaturnormen spielt eine überraschende Rolle. Lange Zeit wurden die Raumtemperaturen in Büros auf Basis des durchschnittlichen Stoffwechsels eines erwachsenen Mannes in den 1960er-Jahren berechnet. Infolgedessen waren viele Arbeitsplätze eher für Männer als für Frauen geeignet.
Es ist daher kein Wunder, dass manche Menschen während Besprechungen frieren, während andere die Klimaanlage als „perfekt“ empfinden. Viele Unternehmen beginnen heute, ihre Einstellungen zu überdenken, um den unterschiedlichen thermischen Komfortbedürfnissen besser Rechnung zu tragen.
Nein, das ist keine Entschuldigung für sexistische Äußerungen.
Das Wissen, dass Frauen oft kälteempfindlicher sind, sollte niemals zu Klischees oder abfälligen Bemerkungen führen. Aussagen wie „Frauen frieren immer“, „Ein echter Mann friert nie“ oder „Sei doch nicht so empfindlich“ basieren auf überholten Stereotypen. Kälteempfinden hat nichts mit Mut, Stärke oder Charakter zu tun.
Jeder Körper funktioniert anders, und einen zusätzlichen Pullover zu benötigen, ist weder eine Schwäche noch übertrieben. Die Fähigkeit, auf die eigenen körperlichen Signale zu achten, ohne sie zu rechtfertigen, trägt ebenfalls zum Wohlbefinden und zum Selbstwertgefühl bei.
Wann Kälte zu einem Signal werden kann
In den meisten Fällen ist Kälteempfinden völlig normal. Wenn das Kälteempfinden jedoch sehr intensiv wird oder von starker Müdigkeit, Schwindel, sehr blasser Haut oder bläulichen Nägeln begleitet wird, kann es ratsam sein, einen Arzt aufzusuchen. Bestimmte Erkrankungen, wie beispielsweise Anämie oder Schilddrüsenstörungen, können die Kälteempfindlichkeit erhöhen.
In der Zwischenzeit ist es absolut kein Grund, sich zu schämen, die Heizung aufzudrehen, dicke Socken anzuziehen oder den Lieblingspullover über die Schultern zu legen. Manchmal weiß der Körper einfach genau, was er braucht.
