In London hat ein ungewöhnlicher Brunnen kürzlich viel Aufmerksamkeit erregt: Statuen scheinen bräunliches Wasser zu „erbrechen“. Das Bild ist zwar schockierend, will aber nicht ablenken, sondern auf ein gravierendes Umweltproblem aufmerksam machen und verbindet so Kunst, eine politische Botschaft und virale Verbreitung.
Ein monumentaler Brunnen für eine aussagekräftige Botschaft
Das vergängliche Kunstwerk „Der Brunnen des Schmutzes“, das am Südufer der Themse nahe dem Observation Point installiert wurde, bricht mit den klassischen Konventionen von Bronzebrunnen. Auf mehreren Ebenen scheinen Männer, Frauen und Kinder dunkles, trübes Wasser auszustoßen. Dieses bewusst verstörende Bild verfolgt einen klaren Zweck: die Anprangerung des Problems der Abwasserentsorgung in Großbritannien.
Die Installation wurde zeitgleich mit dem Start der Channel-4- Dokumentarserie „Dirty Business“ enthüllt, die die umstrittenen Praktiken einiger privater Wasserversorgungsunternehmen untersucht. Mit dieser visuellen Geste verwandelt das Studio 4Creative einen öffentlichen Raum in ein Diskussionsforum und lädt Passanten dazu ein, über die Auswirkungen der Umweltverschmutzung auf Gesundheit und Umwelt nachzudenken.
Eine Anklage gegen die Abwasserkrise
Seit der Privatisierung der Wasserwirtschaft in England und Wales in den 1980er Jahren werden regelmäßig Abwassereinleitungen in Flüsse und das Meer gemeldet. Die Behörden genehmigen diese Einleitungen unter bestimmten Umständen, insbesondere bei Starkregen, doch deren Häufigkeit und Menge sind höchst umstritten.
Der Brunnen veranschaulicht diese Praktiken und ihre Folgen metaphorisch. Umweltaktivisten und Bürger prangern gesundheitliche Auswirkungen wie Reizungen, Infektionen und Krankheiten an, die mit dem Kontakt zu verunreinigtem Wasser in Verbindung gebracht werden. Indem die Installation dieses Problem mitten in einem belebten öffentlichen Raum sichtbar macht, will sie ein oft als fern wahrgenommenes Thema greifbar machen.
Gesichter, die eine Geschichte erzählen
Die Statuen sind nicht anonym. Einige wurden anhand von 3D-Scans von Personen geschaffen, die sich für den Schutz britischer Gewässer engagieren, wie beispielsweise die Surferin und Aktivistin Sophie Hellyer. Die skulptierten Körper verkörpern somit Bürgerinnen und Bürger, die mit den Folgen der Umweltverschmutzung konfrontiert sind.
An der Spitze des Brunnens symbolisiert eine männliche Figur im Anzug, deren Taschen mit Geldscheinen gefüllt sind, die mutmaßliche Verantwortung der Führungskräfte des Wasserversorgungsunternehmens, denen vorgeworfen wird, Profit über Infrastruktur zu stellen. Dieser Kontrast zwischen Opfern und Tätern unterstreicht die politische Botschaft der Installation.
Eine Kampagne, die über die Kunst hinausgeht
Die Installation umfasst einen QR-Code, der Passanten Zugang zu weiterführenden Inhalten, Erfahrungsberichten und der Serie „Dirty Business“ ermöglicht – dem Ergebnis jahrelanger Recherchen. Kunst wird so zum Instrument der Kommunikation und Sensibilisierung und macht die Botschaft zugänglicher und interaktiver.
Bilder des Brunnens kursierten rasch in den sozialen Medien und lösten Diskussionen und Kontroversen aus. Einige lobten den künstlerischen Mut und die Fähigkeit des Werks, ein komplexes Thema sichtbar zu machen. Andere hielten es für zu provokativ, ja sogar übertrieben. In jedem Fall war das Ziel erreicht: Die Debatte war angestoßen.
Ein virales und notwendiges Werk
Der Erfolg des Brunnens liegt in seinem markanten Kontrast: der klassischen Ästhetik eines Brunnens im Gegensatz zu einer bewusst schockierenden Szene. Diese Verbindung von Kunst und sozialer Botschaft verändert die Wahrnehmung des Brunnens durch Passanten, provoziert Reaktionen und erinnert an die Bedeutung der Abwasserverschmutzung – ein wichtiges, aber oft übersehenes Problem.
Wenn diese Statuen mitten in London so „erbrechen“, dann nicht aus Sensationsgier. Sie erinnern uns daran, dass Kunst ein wirkungsvolles Mittel sein kann, um Bewusstsein zu schaffen, zum Nachdenken anzuregen und auf dringende Umwelt- und Gesundheitsprobleme aufmerksam zu machen. Jenseits des visuellen Schocks verdeutlichen sie, dass Wasserverschmutzung kein abstraktes Problem ist: Sie betrifft uns alle und verdient es, gesehen, gehört und diskutiert zu werden.
