Warum schauen wir so gerne Serien, die wir hassen?

Man seufzt, verdreht die Augen, kritisiert jede Dialogzeile … und drückt trotzdem auf „Nächste Folge“. Eine Serie zu schauen, die man schlecht findet, ist alles andere als Zufall: Es ist fast schon ein Ritual. Hinter diesem paradoxen Vergnügen verbirgt sich ein psychologischer Mechanismus, der weitaus faszinierender ist, als er zunächst scheint.

Hass-Watching: Wenn Hass zur Unterhaltung wird

Dieses Verhalten hat einen Namen: Hass-Schauen. Es bezeichnet das absichtliche Ansehen einer Serie, die man als nervig, schlecht geschrieben oder problematisch empfindet – nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Mängel. Anders als bei bloßer Enttäuschung löst die Serie intensive Emotionen aus, die die Aufmerksamkeit fesseln.

Wäre man nur ein bisschen gelangweilt, würde man aufgeben. Doch hier reagiert der ganze Körper: Anspannung, nervöses Lachen, Empörung. Das Gehirn liebt es. Medienpsychologen erklären, dass diese starken Emotionen, selbst negative, die Produktion von Dopamin und Adrenalin anregen. Das Ergebnis: Der Geist ist hellwach, die Energie fließt, man ist vollkommen präsent. Man ist engagiert, lebendig, voller Energie, selbst wenn man murrt. Der Körper spürt es, und genau das macht das Erlebnis so fesselnd.

Das unerwartete Vergnügen an „negativen“ Emotionen

Studien zu Emotionen in Reaktion auf Fiktion zeigen, dass Wut, Verlegenheit oder Irritation in einem sicheren Umfeld als angenehm empfunden werden können. Man weiß ja, es ist „nur eine Serie“. Diese Distanz verwandelt Ärger in ein emotionales Spiel. Man beobachtet seine Reaktionen, übertreibt sie manchmal, genießt sie geradezu.

Das nennen wir Meta-Emotionen: Nicht nur das Gefühl selbst zählt, sondern auch die Freude an einem intensiven Erlebnis. Ihre Sensibilität, Ihr kritisches Denken und Ihre analytischen Fähigkeiten werden angeregt. Sie erlauben sich, Ihre Gefühle voll und ganz, ungehemmt und ohne Gefahr zu spüren. Eine Form emotionaler Freiheit, die den Geist geradezu belebt.

Symbolische Überlegenheit und ironische Distanz

Auch das Anschauen einer Serie, die man hasst, kann das Ego aufpolieren. Indem man Logiklücken oder überzeichnete Charaktere aufdeckt, fühlt man sich klüger, gebildeter, erhabener. Diese Haltung schafft eine beruhigende Distanz: Man ist zwar interessiert, aber nicht getäuscht. Dieser Mechanismus ist besonders bei Serien verbreitet, die man heimlich genießt. Um sie weiterhin ohne schlechtes Gewissen schauen zu können, kritisiert man sie. Man bleibt der Serie treu und wahrt gleichzeitig sein Image als kritischer Zuschauer. Die eigene Perspektive ist gleichermaßen spöttisch und engagiert – ein subtiles Gleichgewicht zwischen ungeniertem Genuss und ironischer Kritik.

Soziale Netzwerke: Katalysatoren für kollektives Vergnügen

Heutzutage ist das gemeinsame Anschauen von Serien, auch wenn man sie hasst, selten eine einsame Angelegenheit. Live-Kommentare zu einer Folge, das Teilen der eigenen Verärgerung, das Erstellen von Memes oder absurden Theorien machen das Zuschauen zu einem sozialen Erlebnis. Die eigene Verärgerung wird zur Quelle von Lachen, Diskussionen und Zusammengehörigkeit. Das gemeinsame Erleben verstärkt die Emotionen und macht sie erträglicher.

Studien zum Binge-Watching zeigen, dass viele Zuschauer eine Serie umso mehr genießen, je mehr sie Anlass zu Diskussionen bietet. Selbst eine mittelmäßige Serie schafft eine Verbindung. Man fühlt sich eingebunden, dazugehörig und verstanden. Der Genuss rührt nicht mehr allein von der Serie selbst her, sondern von dem, was sie ermöglicht: miteinander reden, kritisieren und gemeinsam lachen.

Achten Sie auf Ihr emotionales Gleichgewicht.

Experten weisen jedoch darauf hin, dass der ständige Konsum von Inhalten, die Zynismus fördern, unsere Weltsicht beeinflussen kann. Wer sich permanent mit Kritik beschäftigt, riskiert, seine Urteile zu verhärten oder Negativität zu normalisieren. Der Schlüssel liegt daher in der Balance. Kritik am Konsum von Inhalten kann ein vorübergehendes Ventil sein, eine spielerische Möglichkeit, Spannungen abzubauen. Unser Geist verdient aber auch Geschichten, die Empathie, Freude und Neugierde wecken. Unsere Seele braucht neben Anregung auch Zuwendung.

Letztendlich ist es keine Schwäche, wenn man Serien, die man eigentlich „hasst“, weiterhin anschaut. Es beweist vielmehr, dass man sensibel, engagiert und neugierig ist. Und das ist tatsächlich eine wunderbare Eigenschaft.

Fabienne Ba.
Fabienne Ba.
Ich bin Fabienne, Autorin für die Website „The Body Optimist“. Ich bin begeistert von der Kraft der Frauen und ihrer Fähigkeit, die Welt zu verändern. Ich glaube, Frauen haben eine einzigartige und wichtige Stimme, und es ist mir ein Anliegen, meinen Beitrag zur Gleichberechtigung zu leisten. Ich unterstütze nach Kräften Initiativen, die Frauen ermutigen, sich Gehör zu verschaffen.

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