Drei Millionen monatliche Hörer auf Spotify, mehrere Songs in den Viral Top 50… und doch deutet alles darauf hin, dass Sienna Rose keine echte Sängerin ist, sondern ein Musikprojekt, das mithilfe künstlicher Intelligenz entstanden ist. Diese geheimnisvolle Neo-Soul-Stimme, die sowohl das breite Publikum als auch Prominente in ihren Bann zieht, wird ungewollt zum Symbol für die zunehmende Verschmelzung von Künstlern und Algorithmen.
Ein Spotify-„Entdeckungskünstler“, der noch nie eine Bühne betreten hat
Sienna Rose erschien im Herbst 2025 mit einer Handvoll intimer Jazz-Soul-Tracks auf Streaming-Plattformen, darunter „Into the Blue“, „Safe With You“ und „Where Your Warmth Begins“. Innerhalb weniger Wochen schafften es drei Tracks in Spotifys Viral 50, und ihre Leadsingle überschritt 5 Millionen Streams, während sie 3 Millionen monatliche Hörer erreichte oder übertraf.
Auf dem Papier sieht alles nach dem Aufstieg einer neuen Sensation aus: eine professionelle Spotify-Biografie, ein Neo-Soul-Stil, Vergleiche mit etablierten Sängerinnen wie der britischen Sängerin Olivia Dean. Doch bisher gibt es weder Konzerte, noch Musikvideos, Interviews oder Promotion-Tourneen, die die Existenz einer Person hinter diesem Namen bestätigen.
Beunruhigende Hinweise: ein Künstler ohne Gesicht oder Netzwerk
Die ersten Zweifel kamen bei Fans und Musikliebhabern auf, denen ein ungewöhnliches Detail auffiel: Sienna Rose war weder in den sozialen Medien noch über eine einfache Google-Suche außerhalb von Streaming-Plattformen zu finden. Für einen so erfolgreichen „Newcomer“ war diese völlige Online-Abwesenheit mehr als überraschend. Inzwischen existiert ein Instagram-Account mit Videos, die angeblich die Künstlerin zeigen. Doch das reicht nicht aus, um die Zweifel mancher auszuräumen: In Zeiten, in denen künstliche Intelligenz ultrarealistische Videos von „menschlichen“ Charakteren produzieren kann, bleiben Zweifel bestehen.
Ein weiteres verdächtiges Detail: Zwischen Ende September und Anfang Dezember veröffentlichte Sienna Rose mindestens 45 Titel auf Streaming-Plattformen – ein Produktionstempo, das für einen einzelnen Künstler praktisch unmöglich zu bewältigen ist. Mehrere Hörer beschrieben zudem „etwas generische Texte“, „sehr formelhafte Strukturen“ und sogar „ein Rauschen oder eine Klangtextur“, die typisch für KI-generierte Musik sei.
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Deezer bestätigt: Titel als KI-generiert erkannt
Der Wendepunkt kam, als Deezer öffentlich erklärte, dass die meisten Alben und Titel von Sienna Rose auf seiner Plattform als KI-generiert erkannt und entsprechend gekennzeichnet wurden. Der Dienst erklärte, er nutze ein internes Tool zur Erkennung von KI-generierter Musik und entferne diese Titel aus algorithmischen Empfehlungen und redaktionellen Playlists, um mehr Transparenz für die Hörer zu gewährleisten.
Inzwischen kommen mehrere internationale Medien – BBC , TechRadar, Rolling Stone und 01net – zu demselben Schluss: Alles deutet darauf hin, dass Sienna Rose keine echte Live-Sängerin ist, sondern ein Projekt, das vollständig mit KI-Tools (Stimme, Kompositionen, Visuals) erstellt wurde.
Eine Stimme, die „menschlich“ genug klingt, um selbst Prominente zu täuschen.
Die Kontroverse nahm eine neue Dimension an, als die amerikanische Sängerin, Songwriterin, Schauspielerin, Produzentin und Unternehmerin Selena Gomez kurzzeitig einen Song von Sienna Rose in einem Instagram-Post zu den Golden Globes verwendete, ihn aber inmitten der anhaltenden Debatte um die Authentizität der Künstlerin wieder entfernte. Für viele Internetnutzer bestärkt die Tatsache, dass ein Weltstar den Song zumindest vorübergehend unterstützt, die Annahme, dass die Grenze zwischen menschlichen und synthetischen Stimmen immer mehr verschwimmt.
Dieser Fall zeigt, wie fähig musikalische KI mittlerweile ist, "glaubwürdige" Tracks zu produzieren, die so gut konstruiert sind, dass sie sich in Mainstream-Playlists neben echten Künstlern behaupten können.
Sienna Rose, ein Symptom einer viel größeren Debatte
Hinter dem Rätsel um Sienna Rose verbirgt sich eine brennende Debatte in der Musikbranche: Sollten KI-generierte Titel klar gekennzeichnet werden und sollte die Sichtbarkeit menschlicher Musiker geschützt werden? Deezer beispielsweise bekennt sich bereits zu einer Transparenzpolitik und entfernt rein KI-generierte Inhalte aus seinen Empfehlungen, um nicht direkt mit Künstlern zu konkurrieren.
Kurz gesagt, wir wissen derzeit nicht genau, wer hinter diesem Projekt steckt: ein Label, ein Kollektiv, ein unabhängiger Entwickler? Niemand hat sich offiziell zu Sienna Rose bekannt. Eines ist sicher: Diese nicht existierende „Sängerin“ hat bereits einen Präzedenzfall geschaffen, und ihr kometenhafter Aufstieg zum Ruhm wird (leider) in den kommenden Monaten wahrscheinlich andere ähnliche Unternehmungen inspirieren.
