Forschern zufolge ist der Blick ins Weltall nicht unbedingt Tagträumen.

Manchmal sind deine Augen glasig und deine Gedanken starr: Du fixierst einen Punkt, einen Gegenstand, eine Person, ohne zu blinzeln. Du bist körperlich anwesend, aber gedanklich ganz woanders. Von außen betrachtet wirkst du völlig realitätsfremd, als wärst du in einer Parallelwelt gefangen. Was viele als „Ruhezustand“ bezeichnen, ist nicht immer ein Systemfehler oder ein Symptom von Tagträumen.

Eine „mentale Leere“, die immer noch falsch interpretiert wird

Du gehst deinen gewohnten Tätigkeiten nach, als dein Körper plötzlich in den Standby-Modus schaltet. Dein Blick, völlig regungslos, gleicht dem einer Wachsfigur und bewegt sich keinen Millimeter. Er ist auf ein beliebiges Objekt gerichtet und erfüllt nicht mehr seine übliche Beobachtungsfunktion. Es entsteht ein Gefühl der Leere. Selbst wenn deine Freunde mit dir reden und ihr Gespräch fortsetzen, nimmst du nicht mehr wahr, was sie sagen.

Trotz des Treibens um dich herum, des allgegenwärtigen Stimmengewirrs und des menschlichen Treibens vor dir, bleibst du wie in Trance, wie gelähmt. Für ein paar Minuten stehst du wie eine Statue da. Es scheint, als würdest du ein einsames Spielchen spielen. Genau in diesem Moment werfen dir die Menschen um dich herum vor, zu träumen, dich ablenken zu lassen oder gar völlig abwesend zu sein. Manchmal klatschen deine Lieben sogar in die Hände oder machen Geräusche, um dich wieder in die Realität zurückzuholen.

Dieser kurze Moment der Ablenkung wird oft fälschlicherweise für Unhöflichkeit oder Unaufmerksamkeit gehalten. Wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als „Gedankenblockade“. „Gedankenblockade ist definiert als die völlige Abwesenheit jeglicher mentaler Inhalte, die man anderen beschreiben kann“, erklärt Esteban Munoz-Musat, Neurologe und ehemaliger Doktorand, in einer Pressemitteilung des Brain Institute. Anders als Ihre Mitmenschen vielleicht vermuten, gehen Sie nicht Ihre To-do-Liste durch oder denken ans Abendessen. Ihr Gehirn ist völlig amorph, als wäre es betäubt oder deaktiviert.

Eine Möglichkeit, Energie zu sparen

In dieser Phase, in der man wie ein ausgeschalteter Roboter wirkt, ist der Geist wie ausgetrocknet: kein einziger aufdringlicher Gedanke, keine innere Stimme, die einen belehrt, keine Erinnerungen an Verpflichtungen. Die Gehirnaktivität ist praktisch nicht vorhanden. In einer aufschlussreichen Studie, die in Trends in Cognitive Sciences veröffentlicht wurde, vergleichen Forscher diese „mentale Leere“ mit einem Mikroschlaf, einer Art innerem Neustart.

Sie analysierten diesen traumähnlichen Zustand mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT), um seinen Zweck besser zu verstehen. Und entgegen den Erwartungen ist er kein Zeichen von Langeweile oder Desinteresse. Es ist eine erzwungene Ruhepause. Wissenschaftler beobachteten sogar Ähnlichkeiten mit dem Tiefschlaf in der Großhirnrinde. Letztendlich ist es dasselbe wie im Stehen zu schlafen. Wenn man in Gedanken versunken ist, lädt man seine Energiereserven wieder auf. Ähnlich verhält es sich mit Handys und anderen elektronischen Geräten: Sie laden schneller, wenn sie ausgeschaltet sind.

Menschen mit ADHS sind stärker betroffen.

Diese Momente der Leere, in denen man vorübergehend nicht erreichbar ist, machen etwa 20 % der Wachzeit aus. Manche Menschen neigen jedoch eher dazu. Laut einer anderen Studie treten diese Phasen geistiger Verlangsamung häufiger bei Erwachsenen und Kindern mit ADHS auf.

Esteban Munoz-Musat vom Brain Institute geht diesem mysteriösen Phänomen genauer auf den Grund. „Gedankenlücken gehören zum klinischen Bild bestimmter psychiatrischer Erkrankungen, wie beispielsweise der generalisierten Angststörung. Sie scheinen häufiger bei Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) aufzutreten.“

Ein leerer Blick und ein ruhiger Geist sind körperliche Anzeichen dafür, dass sich Ihr Körper regeneriert. Sie sind nicht abwesend oder verträumt, sondern durchlaufen einen kompletten Erneuerungsprozess. Und das passiert meistens bei Schlafmangel.

Émilie Laurent
Émilie Laurent
Als Wortkünstlerin jongliere ich täglich mit Stilmitteln und perfektioniere die Kunst feministischer Pointen. Mein leicht romantischer Schreibstil hält in meinen Artikeln so manche fesselnde Überraschung für Sie bereit. Ich liebe es, komplexe Themen zu entschlüsseln, ganz wie ein moderner Sherlock Holmes. Geschlechterminderheiten, Gleichberechtigung, Körpervielfalt … Als Journalistin am Puls der Zeit stürze ich mich kopfüber in Themen, die Debatten entfachen. Ich bin ein Workaholic, und meine Tastatur wird ständig auf die Probe gestellt.

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