„Ich bin die Erste in meiner Reihe“: Die feministische Geschichte, die in den sozialen Medien für Furore sorgt

Soziale Medien sind mehr als nur oberflächliche Trends und amateurhafte Tanzeinlagen. Sie bieten auch Raum für kraftvolle Reden und den Aufstieg von Frauenstimmen. In einem Anflug von Aktivismus verkünden Frauen ihre Unabhängigkeit und berichten von ihren Erfolgen. In ihren Familien gelten sie als Pionierinnen. Nicht, weil sie eine revolutionäre Maschine erfunden haben, sondern weil sie das gewagt haben, was ihren Vorfahren verwehrt blieb.

Den Kreislauf einer ganzen Generation durchbrechen

Wenn wir an Pioniere denken, kommen uns spontan historische Persönlichkeiten wie Marie Curie in den Sinn, die als erste Frau zwei Nobelpreise in Naturwissenschaften erhielt, oder Alice Guy, die erste Regisseurin, die sich hinter der Kamera etablierte. Doch in den sozialen Medien macht eine andere Art von Pionier auf sich aufmerksam und präsentiert ihre persönlichen Erfolge. Sie stehen nicht an der Spitze einer bahnbrechenden Erfindung und haben auch keine wegweisende Entdeckung gemacht. Dennoch sind sie die treibende Kraft hinter Veränderungen in ihren Familien. Sie lehnen sich gegen patriarchale Traditionen auf und erobern verlorene Freiheit zurück.

Während die Frauen ihrer Linie fast immer von ihren Ehemännern lebten und in ihren eigenen Häusern gefangen blieben, nehmen sie ihr Schicksal nun selbst in die Hand und schreiben die Geschichte zu ihrem Vorteil um. Sie rächen all die Opfer, die aufgrund ihres Geschlechts gebracht wurden. Sie beenden den Satz „Ich bin die Erste meiner Linie“ mit derselben Überzeugung wie einen feministischen Slogan. Manche verteidigen ihr Recht, allein zu reisen, während andere stolz verkünden, dass sie einen sicheren, gut bezahlten Job für eine Tätigkeit aufgegeben haben, die sie lieben.

Eine kostbare, neu gewonnene Freiheit

Es begann alles als humorvoller Trend, nie als Credo der Selbstbestätigung gedacht. Anfangs nahmen Frauen im Internet den Trend auf die leichte Schulter, ohne sein feministisches Potenzial zu erkennen. Sie erzählten eher anekdotische Begebenheiten aus ihrem Leben, pikante Details. Eine behauptete, die erste Frau in ihrer Familie gewesen zu sein, die eine „Heated Rivalry x One Direction“-Compilation gesehen hatte, eine andere gestand, als Erste „The Subway“ von Chappell Roan als Ananas verkleidet gesungen zu haben. Es grenzte an Selbstironie. Die ursprüngliche Idee? Eine exzentrische oder sehr persönliche Aktivität als einzigartiges Ereignis darzustellen.

Dann nahm diese ursprünglich humorvoll gemeinte Redewendung einen ernsteren und entschlosseneren Charakter an. Sie entwickelte sich zu einem Schlachtruf, ja sogar zu einem Mittel des Selbstausdrucks. Anstatt von ihren heimlichen Freuden und skurrilen Hobbys zu erzählen, teilen Frauen online nun ihre symbolischen ersten Male. Eine 23-jährige Medizinstudentin machte den Anfang. Die aus Kerala, Indien , stammende Frau machte sich diese Redewendung während einer Reise nach Kaschmir zu eigen, die unter dem Motto „Schwesternschaft“ stand. Mit einem typischen roten Schal und erhobenem Mittelfinger kommentierte sie ihren Beitrag: „Die Erste in meiner Familie, die ohne meinen Mann verreist.“

Das genügte, um eine Bewegung auszulösen. Frauen weltweit folgten dem Beispiel der indischen Frau und beherzigten ihre Worte. Jede brachte ihre eigene, einzigartige Perspektive ein und verkörperte ihre eigene Erneuerung. Sie waren die Ersten, die auszogen, sich in Therapie begaben, ihre Ausbildung selbst finanzierten, eigenständig ein Haus kauften und einfach das taten, was sie wollten. Diese Frauen, die auf eine Generation folgten, die unterdrückt, zurückgehalten, behindert und eingeschränkt wurde, erobern ihre Autonomie zurück und machen sie zu einem erfrischenden Mantra.

@htbx222 Habe nie 1 f gegeben, egal 2 #fyp #iraq #baghdad#shaab #rusafa ♬ Originaltext - tgc @yeatfuckseveryone

Eine Ode an die weibliche Unabhängigkeit

Ein Bankkonto selbstständig eröffnen, sich an einer Universität einschreiben, wählen gehen, Hosen tragen, Auto fahren … all das, was uns heute selbstverständlich erscheint, war noch vor wenigen Jahren verboten. Während Freiheit in vielen Industrieländern für Frauen kein Privileg mehr ist, bleibt die Unabhängigkeit der Frau in manchen Ländern ein ferner Traum.

In Afghanistan beispielsweise sind Frauen Gefangene des skrupellosen Taliban-Regimes. Sie dürfen nicht ohne Schleier aus dem Haus gehen, arbeiten, einem Mann in die Augen sehen oder in einem Park spazieren. Schlimmer noch: Ein Dekret zwingt sie, die Fenster ihrer Häuser zu verbarrikadieren. Die Szenen in der Serie „The Handmaid’s Tale“ spiegeln die Realität in manchen Teilen der Welt wider. Mit dieser „Ich bin die Erste in meiner Familie“ -Bewegung prahlen Frauen nicht mit ihren Errungenschaften; sie stellen den Status quo auf ihre Weise in Frage und erinnern uns daran, wie zerbrechlich die Rechte der Frauen sind.

@abbietravelin Das beinhaltet Surfen und Reisen um die Welt #surftok #solofemaletraveler #surftok ♬ White blank page Mumford and sons - ⋆。𖦹🦎

In den sozialen Medien finden manche Trends mehr Anklang als andere. Mit diesem verbindenden Slogan konnten Frauen ihre Unabhängigkeit bekräftigen. Denn Freiheit sollte kein Privileg, kein Glücksfall und nicht einmal Gegenstand von Debatten sein. Sie sollte selbstverständlich sein.

Émilie Laurent
Émilie Laurent
Als Wortkünstlerin jongliere ich täglich mit Stilmitteln und perfektioniere die Kunst feministischer Pointen. Mein leicht romantischer Schreibstil hält in meinen Artikeln so manche fesselnde Überraschung für Sie bereit. Ich liebe es, komplexe Themen zu entschlüsseln, ganz wie ein moderner Sherlock Holmes. Geschlechterminderheiten, Gleichberechtigung, Körpervielfalt … Als Journalistin am Puls der Zeit stürze ich mich kopfüber in Themen, die Debatten entfachen. Ich bin ein Workaholic, und meine Tastatur wird ständig auf die Probe gestellt.

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