Plötzliche Steifheit, starke Schmerzen, Unfähigkeit, den Arm zu heben: Hinter diesen schwächenden Symptomen verbirgt sich oft eine noch immer wenig verstandene Erkrankung, die als „Schultersteife“ oder adhäsive Kapsulitis bekannt ist. Mehrere neuere Studien weisen auf einen direkten Zusammenhang mit den Wechseljahren hin – ein Faktor, den die Medizin lange Zeit nicht ernst genommen hat.
Was ist eine Schultersteife?
Die Schultersteife, medizinisch auch als adhäsive Kapsulitis bekannt, bezeichnet eine chronische Entzündung der Schultergelenkkapsel, die sich zunehmend verdickt und ihre Beweglichkeit vollständig verliert. Der Begriff „Schultersteife“ wurde 1934 von einem amerikanischen Arzt geprägt, doch auch über neunzig Jahre später zählt diese Erkrankung zu den am wenigsten verstandenen im Bereich der muskuloskelettalen Medizin. Obwohl sie jeden betreffen kann, tritt die Schultersteife besonders häufig bei Frauen zwischen 40 und 60 Jahren auf – also genau in der Zeit der Perimenopause und Menopause.
Drei Phasen, die mehrere Jahre dauern können
Der Verlauf der Erkrankung lässt sich klassischerweise in drei Stadien unterteilen. Das erste Stadium, die sogenannte „schmerzhafte Erstarrung“, geht mit zunehmenden Schmerzen und einem fortschreitenden Verlust der Beweglichkeit einher; im zweiten Stadium, der „steifen Erstarrung“, nehmen die Schmerzen zwar ab, die Steifheit wird jedoch dauerhaft; schließlich entspricht die dritte Phase, das sogenannte „Auftauen“, einer langsamen und unvollständigen Wiederherstellung der Beweglichkeit.
Der gesamte Zyklus kann zwischen einem und drei Jahren dauern und erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben: Schwierigkeiten beim Anziehen, Autofahren, Greifen nach Gegenständen in der Höhe oder sogar beim Schlafen.
Der Zusammenhang mit den Wechseljahren, wissenschaftlich erklärt
Der Grund, warum so viele Frauen mittleren Alters von dieser Erkrankung betroffen sind, liegt vor allem in der schützenden Rolle, die Östrogen für die Gelenkgesundheit spielt. Dieses Hormon regt das Knochenwachstum an, wirkt entzündungshemmend, unterstützt die Kollagenstruktur und hält das Bindegewebe geschmeidig.
Sinkt der Östrogenspiegel jedoch während und um die Menopause herum, schwächen sich diese Schutzmechanismen. Fibroblasten – Zellen, die Bindegewebe produzieren – vermehren sich, wodurch die Schultergelenkskapsel zunehmend dicker und steifer wird. Eine 2025 im Journal of Clinical Medicine veröffentlichte Studie bestätigte diese Hypothese und zeigte, dass der Östrogenabfall einer der Hauptrisikofaktoren ist.
Eine aktuelle Studie über die Schutzwirkung der Hormonersatztherapie
In mehreren neueren Studien wurde untersucht, ob eine Hormonersatztherapie (HRT) in den Wechseljahren das Risiko verringern kann. Eine Beobachtungsstudie der Forscherin Jocelyn Wittstein an der Duke University mit fast 2.000 Frauen im Alter von 45 bis 60 Jahren zeigte, dass nur 3,95 % der Patientinnen unter HRT eine Schultersteife entwickelten, verglichen mit 7,65 % bei Frauen ohne HRT – also etwa die Hälfte der Rate.
Obwohl diese Ergebnisse noch durch größere, randomisierte Studien bestätigt werden müssen (eine klinische Studie läuft derzeit), legen sie doch nahe, dass die hormonelle Behandlung der Menopause eine bisher unbekannte Schutzwirkung haben könnte.
Eine Frauenkrankheit, die von der Medizin lange Zeit verharmlost wurde
Doch die Geschichte der Schultersteife verdeutlicht auch subtil lange übersehene medizinische Vorurteile. In den 1970er-Jahren beispielsweise führte eine britische Studie die Erkrankung auf „hysterische Persönlichkeitsmerkmale“ bei Frauen zurück – ein Beweis dafür, dass medizinischer Sexismus lange Zeit Patienten lieber pathologisierte, anstatt ihre Symptome ernsthaft zu untersuchen. Selbst heute noch, trotz Fortschritten in der Forschung, leiden etwa 50 % der Frauen in den Wechseljahren unter Gelenkschmerzen, deren hormonelle Ursache weiterhin unzureichend erforscht ist.
Was soll ich tun, wenn ich Symptome verspüre?
Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die zunehmende Schmerzen oder Steifheit in der Schulter verspüren, sollten unbedingt umgehend einen Arzt aufsuchen. Je früher die Diagnose gestellt wird, desto wirksamer kann die Behandlung sein: Physiotherapie, entzündungshemmende Medikamente, Gelenkinjektionen oder in schweren Fällen sogar eine Arthroskopie.
Eine Schultersteife ist nicht unvermeidlich – dennoch wird sie bis heute häufig nicht diagnostiziert. Für Millionen von Frauen in den Wechseljahren kann sie den Alltag zur Qual machen. Bessere Informationen, bessere Diagnose, bessere Behandlung: Drei zentrale Herausforderungen für die kommenden Jahre, da die Forschung diesem lange vernachlässigten Aspekt der Frauengesundheit endlich mehr Aufmerksamkeit schenkt.
