Während dieser Hitzewelle, die sich wie eine Neuauflage des Films „Und täglich grüßt das Murmeltier“ anfühlt, sucht jeder nach Abkühlung, sei es in den klimatisierten Gängen der Supermärkte oder mit einem Ventilator. Manche kühlen sich mit eiskalten Duschen ab, andere legen Eiswürfel – anders als im Nacken oder im Weinglas – in ihre Unterwäsche. Nein, das ist keine moderne Hexerei und auch keine abstruse Theorie aus dem Internet. Diese scheinbar eisige, uralte Praxis hat einen ganz bestimmten Namen: Sitzbad.
Das Sitzbad, ein langjähriges Ritual
Kälte ist fester Bestandteil vieler Wellness-Routinen und bewirkt weit mehr, als den Körper nur bei Hitzewellen abzukühlen. Auch wenn sie mitunter ein Frösteln und überraschte Ausrufe hervorruft, ist sie äußerst wohltuend für den Körper. Manche Frauen tauchen ihren Kopf in Schüsseln mit eiskaltem Wasser, um ihre Haut zu straffen und die Poren zu verfeinern, während andere damit ihren Vagusnerv stimulieren. Wer weniger kälteempfindlich ist, beendet seine Dusche mit einem eiskalten Schwall, um die Durchblutung anzuregen und mit leichten Beinen ins Bett zu gehen. Nicht umsonst unterziehen sich Sportler Kryotherapie-Sitzungen in Kapseln bei -110 °C.
Kälte kann auch in der Unterwäsche nützlich sein. Frauen kennen zwar während ihrer Periode eher Wärmflaschen als Kühlpacks, aber es wäre ratsam, einmal etwas Kaltes zwischen den Beinen anzuwenden. Und nein, das ist keine neue Technik zur Selbstbefriedigung oder um ähnliche Empfindungen wie durch Vibrationen hervorzurufen. Der Nutzen ist ein ganz anderer.
Das Sitzbad, so die offizielle Bezeichnung für diese ungewöhnliche Praxis, besteht darin, den Dammbereich 10 bis 30 Minuten lang täglich mit Kälte zu behandeln, um die Körpertemperatur zu senken. Die Bezeichnung ist irreführend, da es sich nicht um ein großes Becken handelt, sondern lediglich um einen herausnehmbaren Beutel, ähnlich einer Damenbinde, der die Kälte abgibt. Eine neuere Erfindung für eine viel ältere Praxis. In China ist das Sitzbad seit Jahrtausenden Teil der Kultur. Frauen im Reich der Mitte bespritzten sich mit kaltem Wasser vom Damm bis zur Leistengegend.
Die Vorteile von Kälte auf diesen intimen Bereich
Während in „Fifty Shades of Grey“ der unberechenbare Christian einen Eiswürfel über den Körper seiner Partnerin rollt, bis er den kritischen Punkt erreicht, verfolgt das Sitzbad einen anderen Zweck. Laut seinen Befürwortern dient es in erster Linie der Regulierung der Körpertemperatur und damit der Reduzierung von Entzündungen. Seit einigen Jahren schwankt unsere Körpertemperatur stark und steigt parallel zur Umgebungstemperatur. Studien belegen, dass sie um sechs Zehntel angestiegen ist.
Das Sitzbad soll einen leichten Temperaturschock auslösen und durch eine Art Kettenreaktion den Körper wieder in den Normalzustand zurückführen. Zu den weiteren Vorteilen zählen positive Effekte auf das Immunsystem, ein Energieschub und verbesserter Schlaf. Sitzbäder können außerdem Giftstoffe ausleiten, Menstruationsbeschwerden lindern und sogar die Verdauung fördern. Diese positiven Wirkungen wurden von France Guillain, der führenden Expertin für Sitzbäder in Frankreich, in ihrem Buch „Das Sitzbad: Hundert Jahre nach Louis Kuhne“ dokumentiert.
Was Experten über diese Technik denken
Bei dieser brütenden Hitze, die uns an die Südhalbkugel erinnert, ist es geradezu willkommen, die Unterwäsche in eine Eisscholle zu verwandeln. Es ist fast effektiver als ein Ventilator oder eine mobile Heizung, besonders hier, wo es sich schon bei der kleinsten Pause auf der U-Bahn-Bank in eine Sauna verwandelt.
Fachleute sind von diesem Ansatz jedoch nicht überzeugt, da sie ihn als empirisch betrachten. Sie relativieren die Methode und weisen darauf hin, dass es keine seriöse wissenschaftliche Studie zum Sitzbad gibt. In der Online-Zeitung „Allô Docteur“ erinnert Dr. Odile Bagot die Leser daran, dass die Argumente für Sitzbäder – abgesehen von anekdotischen Berichten – nie bewiesen wurden. „Der einzige medizinische Nutzen der Kälteanwendung im Dammbereich könnte bei Entzündungen in diesem Bereich liegen (zum Beispiel nach einem Dammschnitt, bei Hämatomen oder Hämorrhoiden)“, schreibt sie.
Das Medienportal Dopamin Paris weist darauf hin, dass Studien zum Thema Kälte bestimmte anatomische Gegebenheiten von Frauen außer Acht lassen, insbesondere Hormone, den Menstruationszyklus und das anders strukturierte Nervensystem. Obwohl Kälte die allgemeine Gesundheit durchaus verbessern kann, wird sie vom Körper mitunter als Bedrohung wahrgenommen. Sie ist gleichbedeutend mit Stress und aktiviert die Kampf-oder-Flucht-Reaktion.
Ob Placebo-Effekt oder echte Entdeckung für das Wohlbefinden – das Sitzbad birgt noch immer einige Geheimnisse. Doch diejenigen, die diese ganzheitliche Methode ausprobiert haben, berichten ausschließlich Positives. Am besten findet man es selbst heraus, vielleicht mit kühlender Unterwäsche.
