Die Gesichter, die unter Beauty-Hashtags geteilt werden, sind alle „harmonisch“. Und diese „perfekte“ Geometrie wirkt fast verdächtig, ja unwirklich. Obwohl uns die Gesellschaft eingeredet hat, dass ein leicht schiefer Blick, eine höher stehende Augenbraue oder eine schiefe Nase Anomalien sind, sind diese kleinen Besonderheiten, die man nur unter der Lupe erkennt, in Wirklichkeit völlig normal. Praktisch kein Mensch auf der Welt hat ein symmetrisches Gesicht, und es ist an der Zeit, diese Merkmale zu feiern, die in den sozialen Medien so eifrig „korrigiert“ werden.
Gesichtsasymmetrie ist alles andere als ein anatomischer Fehler.
Wenn man zu lange vor dem Spiegel verweilt, fühlt man sich wie ein Picasso-Gemälde. Je genauer man sich betrachtet, desto mehr ähnelt das Spiegelbild einem abstrakten Kunstporträt. Ein Auge ist weiter geöffnet als das andere, ein Augenlid hängt links, aber nicht rechts, man hat ein Grübchen auf einer Seite und eine Lippe ist voller als die andere.
Dein Gesicht ist nicht auf beiden Seiten exakt gleich. Diese Asymmetrie fällt auf Fotos noch stärker auf. Auf diesen Bildern, die Erinnerungen festhalten und nicht der Selbstkritik dienen sollen, stechen diese kleinen, sonst unbemerkten Details plötzlich hervor. Das erklärt, warum eines deiner Profile „fotogener“ und „attraktiver“ wirkt als das andere.
Obwohl Symmetrie oft mit Perfektion gleichgesetzt wird, bleibt sie ein Schönheitsideal aus Magazinen oder der Praxis eines Chirurgen. Tatsächlich gehören Sie zu den meisten Menschen weltweit: Sie haben ein asymmetrisches Gesicht. „Schon der Cro-Magnon-Mensch wies diese Asymmetrie auf. Er hatte quadratische Augenhöhlen, wobei eine kleiner war als die andere. Auch Lucy hatte diese Asymmetrie“, erklärt Dr. Marc Divaris .
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Ein in zwei Hälften gespaltenes Gesicht, eine garantierte Singularität
In Zeitschriften liest man immer wieder dasselbe. Man wird dazu angehalten, bestimmte Gewohnheiten aufzugeben, um die Gesichtszüge „auszubalancieren“ und die Arbeit der Gene rückgängig zu machen, als wäre sie nur ein „perfektionierbarer“ Entwurf. Dabei macht gerade diese Asymmetrie, ob mehr oder weniger auffällig, einen einzigartig und „menschlicher“. Auch wenn der Mythos des perfekt proportionierten Gesichts viele Frauen anspricht, ist er doch nur eine weitere Erfindung gesellschaftlicher Zwänge. Laut Experten ist ein perfekt proportioniertes Gesicht „garantiert ein Monsterkopf“.
Laut dem Experten weist Ihr Gesicht zwei unterschiedliche Gesichtszüge auf. Er beschreibt eine Seite als weicher, manchmal auch als die „kindliche Seite“ bezeichnet. Die Gesichtszüge wirken feiner, die Konturen zarter. Da die Knochenstruktur oft weniger ausgeprägt ist, ist auch das Gewebe etwas weniger fest, wodurch Anzeichen der Hautalterung etwas früher sichtbar werden können.
Umgekehrt kann die andere Gesichtshälfte strukturierter wirken, mit etwas volleren oder definierteren Zügen. Diese Seite, die man auch als „Erwachsenenseite“ bezeichnet, wird oft als robuster wahrgenommen. Dank dieser natürlichen Stützstruktur ist sie tendenziell widerstandsfähiger gegen Alterungsprozesse und verändert sich langsamer.
Asymmetrisches Gesicht und kognitive Leistungsfähigkeit: der seltsame Zusammenhang
Nachdem Sie unterhaltsame Bücher gelesen oder bearbeitete Fotos gesehen haben, die den Eindruck einheitlicher Gesichter erwecken, haben Sie wahrscheinlich schon einmal versucht, einen individuellen Look zu kreieren und Ihre Gesichtszüge auszugleichen. Vielleicht haben Sie Ihre Lippen mit Make-up etwas vergrößert, Ihre ungleichmäßigen Augenbrauen korrigiert oder Ihre Nase durch Contouring optisch begradigt.
Was die Gesellschaft unermüdlich als Makel darstellt, ist in Wirklichkeit ein wunderbares Geschenk. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Forschern der Psychologischen Fakultät der Universität Auckland, die in der Fachzeitschrift „Symmetry“ veröffentlicht wurde. Ihre Arbeit legt nahe, dass Asymmetrie kein „Problem“ des Wachstums ist, sondern vielmehr eine natürliche Eigenschaft von Lebewesen, tief in unserer Biologie verwurzelt. Sie könnte sogar eine Rolle für das reibungslose Funktionieren bestimmter menschlicher Fähigkeiten spielen.
Um zu diesen Schlussfolgerungen zu gelangen, untersuchten die Forscher die Evolution von Asymmetrien beim Menschen sowie bei anderen Arten. Sie stellten fest, dass diese Unterschiede zwischen den beiden Körperseiten schon immer vorhanden waren und zur Entwicklung wesentlicher Funktionen wie Sprache, Koordination und Feinmotorik (zum Beispiel der Gebrauch der Hände) beitragen.
Ein weiterer interessanter Punkt betrifft das Gehirn: Es ist von Natur aus asymmetrisch, mit Hemisphären, die nicht exakt dieselben Aufgaben erfüllen. Diese Organisation ermöglicht eine Art Spezialisierung, bei der jede Gehirnhälfte zu unterschiedlichen Fähigkeiten beiträgt, wodurch unsere Gesamtfunktion effizienter und besser angepasst wird.
Letztendlich ist ein asymmetrisches Gesicht nicht seltsam. Seltsam ist es nur, das zu glauben. Wenn du also das nächste Mal ein Foto eines gepflegten Mädchens mit einem perfekt geformten Gesicht siehst, hinterfrage nicht dein Aussehen, sondern die gängigen Schönheitsideale.
