Wenn wir von Gelassenheit sprechen, denken wir spontan an Meditation im Lotussitz, Klangbäder oder erholsame Waldspaziergänge – nicht daran, unsere Nerven zu beruhigen. Doch der menschliche Körper beherbergt ein unglaubliches Nervensystem, und auf dieser inneren Landkarte gibt es einen Nerv, der unser Wohlbefinden steuert. Er ist wie ein Knopf, der uns inneren Frieden schenkt.
Der Vagusnerv, im Zentrum der Diskussionen um Web 2.0
Meditation ist fast schon zur Pflicht geworden. Diese Aktivität, die uns eigentlich entspannen soll, fühlt sich fast wie eine lästige Pflicht an. Wenn wir beim Klang einfacher Musik die Augen schließen, sehen wir vor unserem inneren Auge unsere endlose To-do-Liste, anstatt uns in ein weißes Paradies mit Wasserfällen zu träumen. Anstatt unseren Geist zu klären, erinnert uns diese kurze Auszeit an all unsere Verpflichtungen. Wir haben das Gefühl, unsere Zeit auf der Matte zu verschwenden. Auch wenn Meditation beruhigend wirkt, fühlt sie sich oft wie eine lästige Pflicht an.
In den sozialen Medien verrenken sich selbsternannte spirituelle Persönlichkeiten nicht mehr vor Buddha-Statuen oder verbrennen Weihrauch, um diesen heiligen Zustand der Glückseligkeit zu erreichen. Sie stimulieren ihren Vagusnerv, einen Teil des Körpers, der einst nur der wissenschaftlichen Elite oder Medizinstudenten bekannt war. Unser Körper mit all seinen Verzweigungen und vielfältigen Bahnen ist so komplex wie ein elektronisches Gerät. Er beherbergt 31 bilaterale Paare von Spinalnerven, und in diesem hochvernetzten System ist der Vagusnerv gewissermaßen unser „inneres WLAN“. Fachleute bevorzugen einen wissenschaftlicheren Begriff und vergleichen ihn mit der „Datenautobahn“.
Der Vagusnerv verläuft vom Schädelansatz bis zum Darm. Als längster Hirnnerv liegt er in unmittelbarer Nähe lebenswichtiger Organe wie Herz und Lunge. „Er ist der Hauptantrieb der parasympathischen ‚Ruhe-Verdauung-Erholung‘-Reaktion und sendet Signale durch den ganzen Körper, um den Herzschlag zu verlangsamen, die Verdauung anzuregen und Entzündungen zu reduzieren“, erklärte Dr. Navaz Habib gegenüber Vogue . Er ist der rote Faden unseres inneren Wohlbefindens und unserer Balance. Der Körper ist wie eine riesige Landkarte, und es gibt Wege, die leicht zu Ruhe führen.
Wie man den Vagusnerv stimuliert
Es bringt nichts, sich mit Gitarrenspiel auf der Brust zu betätigen, um diesen verborgenen Nerv zu beeinflussen. Da der Vagusnerv von außen nicht zugänglich ist, erfolgt die Stimulation eher indirekt über verschlungene Wege. Während Mediziner und wohlhabende Privatpersonen in hochmoderne Elektrostimulationsgeräte investieren, ist die Aktivierung dieses Nervs, der als emotionaler Regulator fungiert, durchaus auch ohne jegliche Geräte möglich.
Atmung
Manchmal haben wir das Gefühl, die Luft anzuhalten. Kurzatmigkeit, flache Atmung, ein Gefühl der Erstickung. Stress hindert uns daran, genügend Sauerstoff aufzunehmen, und in diesem Zustand bleibt der Vagusnerv inaktiv. Durch angeleitete Herzkohärenzübungen gewinnen wir die Kontrolle über unsere Atmung zurück. Nicht mehr der Brustkorb hebt sich, sondern das Zwerchfell entspannt sich.
Gurgeln
Wir tun es normalerweise, um unseren Atem zu erfrischen oder Zahnpastareste zu entfernen. Diese Handlung wird aber auch empfohlen, um den Vagusnerv zu stimulieren, der manchmal etwas träge sein kann. Warum? Weil dadurch die umliegenden Muskeln aktiviert werden und eine gewisse Resonanz entsteht. Das Gehirn wiederum interpretiert dies als beruhigendes Signal.
Das Summen
Vielleicht summen Sie schon unbewusst unter der Dusche vor sich hin, aber dieses leise, gleichmäßige Geräusch, das wir mit schief gesungenen Liedern oder Langeweile verbinden, kann auch zur Aktivierung des Vagusnervs beitragen. Das Prinzip ist einfach: Die durch das Summen erzeugten Vibrationen stimulieren indirekt bestimmte Bereiche, die mit diesem bekannten parasympathischen Netzwerk verbunden sind. Ein einfaches, langgezogenes „mmm“, eine im Auto gesummte Melodie oder ein paar Minuten spontanes Singen können genügen, um ein Gefühl der Ruhe zu erzeugen.
Kalte Bäder
Die Vorstellung, morgens in eiskaltes Wasser zu springen, klingt nicht gerade nach purem Wohlbefinden. Doch Anhänger kalter Duschen und nordischer Bäder schwören auf diese Praxis. Der Kälteschock soll eine Kaskade physiologischer Reaktionen auslösen, an der möglicherweise der Vagusnerv beteiligt ist. Beim Kontakt mit kaltem Wasser muss sich der Körper schnell anpassen. Die Atmung verändert sich, der Herzschlag reguliert sich allmählich und das Nervensystem wird aktiviert.
Die visuelle Veränderung
Unsere Umgebung beeinflusst unser Nervensystem stärker, als uns bewusst ist. Ständig auf denselben Bildschirm, dieselbe weiße Wand oder dasselbe grell beleuchtete Großraumbüro zu starren, trägt nicht unbedingt zur Entspannung bei. Im Gegensatz dazu kann der Blick in die Natur, auf Tageslicht oder einfach auf einen Tapetenwechsel dem Gehirn ein Sicherheitssignal senden. Manchmal genügt es schon, einfach wegzuschauen. „Wenn man den Blick auf ein entferntes Objekt richtet, entspannen sich die Augenmuskeln und signalisieren dem Gehirn so, dass keine unmittelbare Gefahr besteht“, ergänzt Dr. Habib.
Was diese Praxis für den Alltag mit sich bringt
Die Stimulation des Vagusnervs ist weder ein Wundermittel noch ein schneller Weg zu vollkommener Gelassenheit. Ziel ist es nicht, ständig gelassen zu sein oder nie wieder Stress zu empfinden; das wäre in der Tat menschlich unrealistisch.
Andererseits kann die Pflege dieses inneren Regulationssystems dem Körper helfen, nach Rückschlägen, mentaler Überlastung oder turbulenten Phasen leichter wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Manche Menschen berichten von erholsamerem Schlaf, ruhigerer Verdauung, einem gesteigerten Bewusstsein oder einer verbesserten Fähigkeit, sich nach Angstzuständen zu beruhigen.
Der menschliche Körper hat noch nicht alle Geheimnisse seiner Vitalität preisgegeben. Der Vagusnerv, der mittlerweile seinen Platz in Wellness-Ritualen gefunden hat, erfordert keine aufwendige Logistik, sondern lediglich ein gutes Verständnis für sich selbst.
