Diese Frauen bauen ihre eigenen Computer, um den Algorithmen zu entkommen.

In einer Zeit, in der unsere Smartphones, Computer und Smartwatches zu reinen Datensammlern verkommen sind, hat sich eine Generation junger Frauen entschieden, sich davon abzugrenzen. Auf TikTok und Instagram bauen sie ihre eigenen Computer und verstecken sie in Muscheln, Make-up-Paletten oder perlenbesetzten Clutches. Die Bewegung, die sich „Cyberdeck Girls“ nennt, hat in den letzten Monaten einen regelrechten Boom erlebt und bereits Millionen von Aufrufen erzielt. Hinter der pinken und perlmuttfarbenen Ästhetik verbirgt sich ein echtes politisches Statement – feministisch, gegen Überwachung und zutiefst freudvoll.

Cyberdecks: Eine Rückkehr zu den Wurzeln der Cyberpunk-Fiktion

Der Begriff „Cyberdeck“ ist alles andere als harmlos. Er wurde 1984 von dem Science-Fiction-Autor William Gibson in seinem Kultroman „Neuromancer“ geprägt, in dem Hacker mithilfe miniaturisierter, selbstgebauter PCs durch eine digitale Matrix navigieren. Vierzig Jahre später haben junge Bastler das Konzept aufgegriffen, doch diesmal wurde die düstere, industrielle Cyberpunk-Ästhetik zugunsten einer Pastellpalette, rosa Muscheln und meerjungfrauenhafter Akzente verworfen.

Praktisch gesehen besteht ein Cyberdeck aus einfachen Komponenten: einem Raspberry Pi Nano-Computer (einer Elektronikplatine in der Größe einer Streichholzschachtel), einem kleinen Bildschirm, einer mechanischen Tastatur, einem Akku und einem vom Erfinder selbst ausgewählten Gehäuse. All das für oft weniger als 200 Euro. Diese Geräte sind im Vergleich zu einem herkömmlichen Laptop bewusst „unpraktisch und ineffizient“ – eine bewusste Entscheidung in einer Technikkultur, die von Optimierung um jeden Preis besessen ist.

Wenn die Muschel zum Computer wird

Was diesen Trend so faszinierend macht, ist die grenzenlose Kreativität der Geräte. Eine gewisse CC, die sich selbst als „Open-Source-Rebellin“ bezeichnet und den Blog Bimbo Tech betreibt, machte die Bewegung mit ihrer „P-Sea SeaShell“ populär – einem Cyberdeck in einer pinkfarbenen Muschel, das abwechselnd als Tamagotchi, E-Reader, Markdown-Notizeditor und Servermonitor dient. Verbunden mit ihrer lokalen KI-Umgebung und ihrem VPN-Netzwerk, ermöglicht das Gerät seiner Entwicklerin, alles zu tun, ohne jemals auf große Plattformen angewiesen zu sein.

Die TikTok-Künstlerin Annike Tan, auch bekannt als Ube Boobey , entwarf ein „Meerjungfrauen“-Cyberdeck mit goldenen Akzenten und Perlen unter der Tastatur. Ihr Video mit dem ironischen Titel „Cunty Cyberdeck“ hat bereits zig Millionen Aufrufe erzielt. Die junge Softwareentwicklerin Brianna aus New York programmierte ein Mini-Barista-Spiel in einer pinken Dunkin'-Box. Andere machen es ihr nach und verwenden Hello-Kitty-Boxen, Quietscheentchen oder alte Plastik-Make-up-Behälter. Die Idee ist simpel: Das, was die Mainstream-Kultur als „mädchenhaft“ und damit als oberflächlich betrachtet, in ein Machtinstrument zu verwandeln.

@ubeboobey arbeitet am Bluetooth-Teil #fyp #mp3 #diy #electronics #technology ♬ Bloopin - Eddie EWI

Eine politische Antwort auf Silicon Valley

Über die Ästhetik hinaus sind diese Kreationen ein wahres Manifest gegen die von amerikanischen Tech-Giganten aufgezwungene Kultur. Jahrzehntelang hat die Tech-Industrie die Idee verkauft, dass die „richtige“ Maschine ein minimalistisches, funktionales, anonymes, maskulines Aluminiumrechteck sei. Eine Ästhetik, die auf Produktivität ausgelegt ist, niemals auf Schönheit oder persönliche Verbindung.

Die Cyberdeck-Girls positionieren sich klar gegen diese Philosophie. Ihre Maschinen sind einzigartig, zerbrechlich, persönlich und individuell gestaltet. Diese Objekte sollen „ihrem Schöpfer ähneln“, anstatt einen nuklearen Winter zu überstehen. Hinter dieser freudigen Aneignung verbirgt sich auch ein direkter Angriff auf die Kultur der Optimierung und Leistung, die das Silicon Valley in den letzten dreißig Jahren geprägt hat.

Anhaltender Sexismus in der Technologiebranche, erzählt von den Opfern

Die Bewegung hätte ohne den anhaltenden Sexismus in traditionellen Tech-Communities wahrscheinlich nicht so einen enormen Aufschwung erlebt. Die Gründerin CC erzählt beispielsweise offen von den herablassenden Kommentaren, die sie von Männern in Fachforen erhielt: „Ein Typ auf Reddit meinte zu mir: ‚Du hast deinen ersten Computer erst vor einem Monat gebaut, beruhig dich mal.‘ Dabei baue ich schon seit Jahren PCs“, vertraut sie an. Der besagte Mann entschuldigte sich schließlich und kaufte ihr die Platine für ihr nächstes Projekt ab.

Diese Anekdote ist alles andere als trivial. Sie verdeutlicht eine seit Langem bekannte Realität: Elektronik-, Hardware- und Hacker-Communities waren historisch gesehen feindselige Umgebungen für Frauen, in denen jede Fähigkeit doppelt so hart erprobt werden musste wie von ihren männlichen Kollegen. Genau das ändern die Cyberdeck-Girls, indem sie ihre eigene Community aufbauen, ihre eigenen Tutorials teilen und traditionelle Plattformen wie Reddit umgehen. Der Hashtag #techbygirls ist zum Symbol dieser neuen Solidarität geworden.

Anti-KI, Anti-Überwachung: Ein Manifest für digitale Souveränität

Wenn dieser Trend gerade jetzt auftritt, ist das kein Zufall. Er fällt zeitlich mit der rasanten Entwicklung generativer künstlicher Intelligenz zusammen, deren Folgen in Bezug auf Überwachung, Energieverbrauch und die Gewinnung kreativer Daten zunehmend Anlass zu ernsthafter Besorgnis geben.

„Ich will keine KI-Brille. Ich will in einer kleinen, verzierten Muschel Bücher hacken. Dort kann mich niemand beobachten“, fasst die Schöpferin Sarahbelle Kim zusammen. Diese zugleich humorvolle und direkte Aussage verkörpert das gesamte politische Projekt der Bewegung: die Werkzeuge zurückzuerobern, die eigenen Daten zu Hause zu speichern und sich zu weigern, die Algorithmen der großen Plattformen zu füttern.

Konkret bedeutet das: Selbsthosting (eigene Server betreiben), lokale KI (Modelle auf dem eigenen Rechner statt in der Cloud ausführen), angepasste Betriebssysteme, das Teilen von Open-Source-Tutorials und Mesh-VPNs. Eine wahrhaft stille Revolution, angetrieben von Lötkolben und Perlglanzlack.

Eine Gemeinschaft, die teilt und lernt

Die zweite Stärke der Bewegung liegt in ihrem Bildungsansatz. Auf TikTok, Instagram und Blogs wie Bimbo Tech teilen diese Kreativen ihre Anleitungen, Fehlerberichte, Kaufempfehlungen und Tipps. Kein Wissen wird für sich behalten. Montageanleitungen enthalten Links zu allen Komponenten, detaillierte Einkaufslisten und Erklärungen, die speziell für diejenigen entwickelt wurden, die sich mit Speicherkarten oder Motherboards nicht auskennen.

Laut Annike Tan sind etwa drei Viertel der Anhänger dieser Bewegung Frauen. Dies ist eine bemerkenswerte Zahl in einem Sektor, in dem Frauen statistisch gesehen nur 20 bis 25 % der Fachkräfte ausmachen. Die neue Community scheint sich vollkommen bewusst zu sein, was sie aufbaut: eine alternative, feministische, offene und zugängliche Schule, die Technikerinnen ausbildet, die vom Bildungs- und Berufssystem lange Zeit benachteiligt wurden.

Eine freudige Revolution, die erst am Anfang steht

Jede Epoche hat ihre Mittel des Widerstands. Jede Frauengeneration weigert sich, auf Erlaubnis zu warten. Die Cyberdeck-Girls sind nicht aus dem Nichts entstanden: Sie stehen in einer langen Tradition von Frauen, die schon früh verstanden haben, dass man, um eine Stimme zu haben, zuerst die Mittel dafür bauen muss. Gestern waren es illegale Druckereien und Piratensender. Heute sind es Raspberry Pi-Boards. Die Form ändert sich. Die Geste bleibt dieselbe: die Kontrolle zurückzugewinnen, das System abzulehnen und sie an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

In einer Muschel, in einer Make-up-Palette, in einer Quietscheente – eine ganze Welt wird neu erfunden. Eine Welt, in der technologisches Wissen nicht länger von wenigen Auserwählten monopolisiert wird. Eine Welt, in der Schönheit, Zerbrechlichkeit und Selbermachen nicht länger mit Argwohn betrachtet werden. Eine Welt vor allem, in der unsere Maschinen wirklich wieder uns gehören.

Es bleibt abzuwarten, ob diese stille Revolution sich über die Bildschirme hinaus ausbreiten kann, die sie hervorgebracht haben. Ob Algorithmen, wie so oft, die Ästhetik der Bewegung vereinnahmen und ihr damit jegliche Substanz rauben werden. Ob Hersteller morgen eine von ihnen zertifizierte „Muschelkollektion“ auf den Markt bringen, die frei von jeglicher Kritik ist.

Doch eines ist sicher: Diese jungen Frauen fragen nicht mehr um Erlaubnis. Sie entwickeln, teilen und geben ihr Wissen weiter. Und in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zu einer Ressource geworden ist, die uns ohne unser Wissen abgeschöpft wird, in der technisches Know-how größtenteils Männern vorbehalten bleibt und jede App uns etwas verkaufen oder uns kategorisieren will, ist diese Geste ein feministischer Akt. Es geht darum, die Welt weiterhin selbst zu gestalten, anstatt darauf zu warten, dass es jemand anderes für uns tut.

Clelia Campardon
Clelia Campardon
Nach meinem Abschluss an der Sciences Po hege ich eine echte Leidenschaft für kulturelle Themen und soziale Fragen.

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