Ein Lipgloss, ein Tropfen scharfe Soße, ein paar Sekunden Geduld … und Millionen von Klicks. Der „Spicy Lips“-Trend verspricht vollere Lippen im Handumdrehen. Doch hinter dem Wow-Effekt warnen Experten: Unsere Lippen verdienen sanfte Pflege, kein Brennen.
Ein Trick, der schon seit einiger Zeit bekannt ist.
Lange vor TikTok kursierte die Idee bereits. In den 2000er-Jahren priesen einige Beauty-Magazine die „anregenden“ Eigenschaften von Chilischoten an, die den Lippen einen „sofortigen“ Aufpolsterungseffekt verleihen sollten. Ein paar Tropfen verdünntes Capsaicin-Öl, und voilà: rötere, vollere Lippen, bereit für ein Fotoshooting.
Zwanzig Jahre später erlebt dieser alte Trick in den sozialen Medien ein Revival. Unter dem Hashtag #SpicyLips mischen Influencer scharfe Soße, Tabasco oder Sriracha mit ihrem gewohnten Lipgloss und tragen die Mischung anschließend großzügig auf. Das Ergebnis: virale Videos voller Grimassen, tränender Augen und der Freude über den sofortigen Aufpolsterungseffekt.
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Warum es (oberflächlich betrachtet) funktioniert
Der Mechanismus ist einfach. Chilischoten enthalten Capsaicin, einen Wirkstoff, der lokal die Blutgefäße erweitert. Konkret bedeutet das: Die Blutgefäße weiten sich, die Durchblutung nimmt zu und die Lippen röten und schwellen leicht an. Dadurch wirken die Lippen voller und frischer. Der Effekt hält in der Regel 20 bis 40 Minuten an – gerade genug Zeit für ein Selfie oder einen spontanen Ausflug. Dieses schnelle Ergebnis basiert jedoch auf einer Entzündungsreaktion, und genau da liegt das Problem.
Was Dermatologen an diesem Trend kritisieren
Die Lippen sind anders als die übrige Haut. Ihre Oberfläche ist dünn, empfindlich und besitzt nicht die robuste Schutzbarriere, die an anderen Stellen im Gesicht vorhanden ist. Chilipulver aufzutragen, bedeutet, diese empfindliche Hautpartie einer starken chemischen Reizung auszusetzen.
Experten warnen vor Brennen, starkem Kribbeln, anhaltender Rötung und sogar Blasenbildung, insbesondere bei Menschen mit empfindlicher Haut. Wiederholte Reizungen dieser Art können die Hautbarriere schwächen, chronische Trockenheit fördern, feine Linien verstärken und das Infektionsrisiko erhöhen.
Ein weiterer besorgniserregender Punkt: Speisesaucen sind nicht für die kosmetische Anwendung bestimmt. Sie können Zusatzstoffe, Konservierungsmittel oder Aromen enthalten, die für die Anwendung auf Schleimhäuten ungeeignet sind. Ganz zu schweigen vom Risiko von Kreuzallergien mit bestimmten Gewürzen. Kurz gesagt: Der aufpolsternde Effekt ist in Wirklichkeit eine Mikroentzündung. Es handelt sich nicht um eine Behandlung, sondern um einen Abwehrmechanismus des Körpers.
Was wäre, wenn es nichts zu korrigieren gäbe?
Letztendlich wirft dieser Trend eine grundlegendere Frage auf: Warum der Drang, die Lippen um jeden Preis zu verändern? Aktuelle Schönheitsideale bevorzugen oft sehr volle, stark definierte Lippen. Doch nur weil die Gesellschaft ein bestimmtes Ideal propagiert, heißt das nicht, dass man sich wegen schmaler Lippen unwohl fühlen sollte. Der Mund, ob voll, schmal, asymmetrisch usw., ist Teil der eigenen Persönlichkeit. Er lächelt, er spricht, er drückt sich aus. Er muss nicht übertrieben dramatisch sein, um schön zu sein.
Kurz gesagt: Sich in seinem Körper wohlzufühlen ist völlig legitim, sollte aber niemals mit Schmerzen oder riskanten Experimenten einhergehen. Dein Körper ist gut genug und verdient Aufmerksamkeit, so wie er ist. Dauerhafte Schönheit schmerzt nicht; sie respektiert, pflegt und verschönert. Und vor allem beginnt sie damit, dich so anzunehmen, wie du bist: perfekt.
