Cortisol, einst ein Begriff aus der medizinischen Fachsprache, ist heute einer der beliebtesten Hashtags auf TikTok. Dieses Hormon, das früher nur in wissenschaftlichen Zeitschriften Erwähnung fand, gilt nun als Volksfeind Nummer eins. Internetnutzer machen es für ihre Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen und Libidoverlust verantwortlich. Deshalb beginnen sie mit „Cortisol-Detox“-Kuren, um „Körper und Geist wieder ins Gleichgewicht zu bringen“.
Was genau ist Cortisol?
Alle reden jetzt darüber. In den sozialen Medien steht dieser Begriff, der einst nur Medizinstudenten und Doktoranden bekannt war, im Mittelpunkt – und das nicht unbedingt aus den richtigen Gründen. Denn nein, Cortisol ist weder eine weitere Erfindung der Schönheitsbranche noch ein im Labor hergestellter Inhaltsstoff, der das Leben verlängert. Es ist auch kein ansteckendes Virus, selbst wenn Internetnutzer es wie eine Grippe mitten im Winter vertreiben.
Cortisol, der Dopamin-Antagonist, gilt als unsichtbares Gift des Körpers und Fluch des Wohlbefindens. So wird es zumindest im Internet beschrieben, wo Fehlinformationen darüber verbreitet werden. Falls Ihnen dieser Begriff noch unbekannt ist, sind Sie wahrscheinlich nicht besonders technikaffin oder interessieren sich nicht sonderlich für Schlagzeilen in Gesundheitsmagazinen. Cortisol, auch bekannt als Stresshormon, ist auf TikTok allgegenwärtig und wird als Unruhestifter dargestellt. Dabei ist es nicht gänzlich schädlich.
Es reguliert Ihren Blutdruck, schützt Sie vor Ansteckung mit Keimen in öffentlichen Verkehrsmitteln und wirkt entzündungshemmend bei kleineren Verletzungen. Außerdem sorgt es dafür, dass Sie jeden Morgen aus dem Bett kommen und die nötige Energie haben, um Ihren Bus noch zu erwischen, wenn Sie spät dran sind.
Die „Cortisol-Entgiftung“: eher ein Mythos als Realität
Internetnutzer, die ihren Körper im Rahmen einer Art Frühjahrsputz entgiften wollen, machen sogenannte „Cortisol-Detox“-Kuren. Als wäre Cortisol ein leicht auszuscheidendes Gift. Doch Cortisol verschwindet nicht über Nacht wie nach einer üppigen Mahlzeit und einem reinigenden Kräutertee. Die „Cortisol-Detox“-Kur, die fast schon an eine spirituelle Auszeit erinnert, ist eigentlich irreführend. Physiologisch gesehen ist sie schlicht unmöglich. Zu versuchen, Cortisol aus dem Körper zu eliminieren, wäre, als würde man dem Brot das Backtriebmittel oder den Nudeln das Mehl entziehen: Man entfernt einen essenziellen Bestandteil für deren Existenz.
Wer anstrengende körperliche Betätigung durch sanfte Dehnübungen und Lesen statt Fernsehen ersetzt, in der Hoffnung, Cortisol abzubauen, verkennt, dass dieses Hormon ein wichtiger „Treibstoff“ ist. „Cortisol hilft, Energiereserven zu mobilisieren, das Immunsystem zu stärken, Entzündungen zu reduzieren und Energie von Verdauung, Fortpflanzung und Wachstum abzulenken“, erklärt Jeffrey Blumberg, Forschungsprofessor an der Friedman School of Nutrition Science and Policy der Tufts University. Es gibt auch einen weniger drastischen Weg, mit diesem Hormon zu leben, anstatt von ihm beherrscht zu werden.
Die Regulierung des Cortisolspiegels, die wirklich gute Idee
Auch wenn „Cortisol-Detox“ eher ein Marketingslogan als wissenschaftlich belegt ist, lässt sich der Cortisolspiegel dennoch senken, obwohl er zu Unrecht in Verruf geraten ist. Ziel ist es nicht, das Hormon vollständig zu eliminieren, sondern einen dauerhaft erhöhten Spiegel zu verhindern. Bei ständiger Belastung durch einen stressigen Lebensstil kann der Körper erschöpft werden und besonders belastende Symptome entwickeln. Das Cushing-Syndrom ist hierfür das extremste Beispiel.
Unter normalen Umständen folgt der Cortisolspiegel einem präzisen Rhythmus: Er steigt morgens an, um uns beim Start in den Tag zu unterstützen, und sinkt dann im Laufe des Tages allmählich wieder ab. Chronischer Stress, Schlafmangel, geistige Überlastung oder übermäßige Bildschirmzeit können dieses natürliche Gleichgewicht jedoch stören. In diesem Fall leiden manche Menschen unter anhaltender Müdigkeit, Reizbarkeit oder Schlafstörungen.
Experten sind sich in einem Punkt einig: Statt von „Entgiftung“ zu sprechen, ist „Regulierung“ treffender. Und die gute Nachricht: Dies lässt sich durch einfache Maßnahmen erreichen, die oft viel zugänglicher sind als die überteuerten Wellnessprogramme, die in den sozialen Medien angepriesen werden. „Es gibt kein Wundermittel zur Regulierung des Cortisolspiegels , aber wir verfügen über bewährte Strategien zum Stressmanagement , darunter eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und Meditation oder Achtsamkeitsübungen“, erklärt der Experte.
Kurz gesagt: Die vielbesprochene „Cortisol-Entgiftung“ mag zwar nicht existieren, doch der Wunsch, dem eigenen Nervensystem etwas Gutes zu tun, ist sehr real. Und wenn dieser Trend wenigstens einen Vorteil hat, dann den, dass er uns daran erinnert, dass Ruhe, Gelassenheit und das Hineinhören in uns selbst kein Luxus, sondern echte Bedürfnisse sind.
