Den ganzen Tag hinter dem Computer sitzend, finden koreanische Arbeitnehmer Trost nicht in einer dampfenden Tasse Kaffee, sondern in einem Kieselstein. Dieser Stein, dem man zusammengekniffene Augen und ein mitfühlendes Lächeln zuschreibt, liegt auf ihrem Schreibtisch. In diesem Land, wo soziale Isolation tödlich sein kann, bietet er ihnen ein Gefühl von Halt und bekämpft eine fast schon krankhafte Einsamkeit.
Ein taschengroßer Freund, aus Stein geschnitzt
Sie haben liebenswerte Augen, bezaubernde Gesichter und strahlen eine besondere Freundlichkeit aus. Sie passen in die Handfläche, sind geräuschlos und haben eine harte Oberfläche – und doch erfüllen sie eine berührende Aufgabe. Versuchen Sie gar nicht erst, dieses Rätsel zu lösen; die Antwort ist ungewöhnlicher als offensichtlich. Die Rede ist von sogenannten „Begleiterkieseln“, die geschaffen wurden, um in der unpersönlichen und egozentrischen Atmosphäre von Großraumbüros oder Wolkenkratzern eine Spur von Nähe zu vermitteln.
Diese Kieselsteine, die wie aus einem Miyazaki-Animationsfilm entsprungen wirken, sind nicht einfach nur als Stiftehalter für den Arbeitsplatz gedacht. Sie füllen die Leere wie Zement in einem Riss, aber vor allem lindern sie die klaffende Wunde der Einsamkeit. Man muss sie nicht im Morgengrauen ausführen, mit Premium-Futter verwöhnen oder die ganze Wohnung ihretwegen umgestalten. Sie sind weniger anspruchsvoll und energieintensiv als Haustiere aus Fleisch und Blut und erfüllen dennoch eine ähnliche emotionale Funktion. Als rustikalere Alternative zum Tamagotchi vergangener Zeiten füllen sie mühelos die Leere von Aufmerksamkeit, Abwesenheit und emotionaler Vernachlässigung.
In diesen asiatischen Ländern, von denen einige sogar ein Ministerium für Einsamkeit haben, fehlt den Menschen die Zeit für ein Haustier. Als verantwortungsbewusste und rationale Wesen bevorzugen sie daher den Stein als Haustier. Dieses leblose Objekt mag winzig sein, nimmt aber einen wichtigen Platz im Leben seiner Besitzer ein. Es ist dieser Stein, der das fragile Fundament des südkoreanischen Wohlbefindens zusammenhält.
Der „Kieselstein als Begleiter“, ein Bollwerk gegen die Einsamkeit
Für den Uneingeweihten ist es einfach nur ein Kieselstein, einer von Tausenden, ein Stück Natur, ein unscheinbares Mineral. Sein einziger Zweck scheint darin zu bestehen, als Urlaubssouvenir zu dienen. Für Südkoreaner hingegen ist dieser personifizierte Kieselstein ein Vertrauter, ein Trostspender in traurigen Zeiten, eine leicht zugängliche Form der Therapie. Und für ein paar Won können sie sich ihren eigenen Kieselstein erwerben, ihn nach ihren Wünschen gestalten und ihm ein gemütliches Zuhause einrichten – manchmal einladender und luxuriöser als Barbies Villa.
Dieser Kieselstein, der mit Strohhut, Brille und anderen Accessoires geliefert wird, die ihm eine eigene Persönlichkeit verleihen sollen, ist ein Symbol koreanischer Lebensfreude und erfreut sich größter Beliebtheit. Im chinesischen sozialen Netzwerk Xiaohongshu gibt es über 70.000 Beiträge, die ihm gewidmet sind und seinen luxuriösen Lebensstil präsentieren. Er ruht in einem gemütlichen Nest wie ein Baby in einer Wiege und posiert vor majestätischen Landschaften, als würde er seine Artgenossen verspotten, die den eiligen Schritten der Touristen zum Opfer fallen. Die Plattform Douyin, das koreanische Pendant zu TikTok, verzeichnet zehn Millionen Aufrufe dieses Kieselsteins – ein Beweis für seine Beliebtheit.
Doch wie wurde aus einem einfachen, zugespitzten Stein die greifbare Verkörperung des berühmten imaginären Freundes? Alles begann in den USA der 1970er-Jahre, wo ein gewisser Gary Dahl mit dem etwas verrückten Unterfangen Erfolg hatte, Kieselsteine mit einem unwiderstehlichen Blick zu vermarkten, der selbst die reifsten Gemüter zum Schwärmen brachte. In Südkorea, einem Land, in dem Angestellte nicht arbeiten, um zu leben, sondern leben, um zu arbeiten, fand dieser Kieselstein ganz natürlich Eingang in die Kultur.
Ein Kieselstein, der die Härte des Lebens in Korea offenbart
In Südkorea leben Arbeiter praktisch rund um die Uhr an ihren Arbeitsplätzen. Obwohl die 40-Stunden-Woche gilt, arbeiten sie mit den erlaubten Überstunden manchmal sogar 52 Stunden pro Woche. Was in manchen Ländern als Ausbeutung gelten würde, ist dort völlig legal. Leistung ist keine Option, sondern eine nationale Regel, eine Denkweise, die von klein auf vermittelt wird. Während Angestellte in Frankreich fünf Minuten vor Feierabend bereit sind, aufzuspringen, arbeiten sie in Südkorea praktisch rund um die Uhr.
Müdigkeit wird fast schon zum Ehrenzeichen, und Freizeit zum kostbaren Gut. In diesem Kontext erscheint der geliebte Kieselstein wie ein besonders passender Begleiter für den Alltag: Er stellt keine Ansprüche, keine Fragen und fehlt nie. Geduldig wartet er auf einer Ecke des Schreibtisches, unbeeindruckt von Videokonferenzen, Excel-Tabellen und Tagen, die bis in die Nacht dauern. Auch wenn das Konzept amüsant, ja sogar kindisch wirken mag, spiegelt es doch den enormen Druck wider, produktiv sein zu müssen.
Der Kieselstein mag zwar zum Schmunzeln anregen, doch er spiegelt auch unsere Zeit wider: die Zeit der Menschen, die von Bildschirmen umgeben und ständig vernetzt sind und sich dennoch manchmal furchtbar einsam fühlen. Letztendlich ist dieser Kieselstein ein Weckruf und verkörpert damit die Geißel der Einsamkeit.
