Emotionale Schocks, die oft unbemerkt bleiben, können dauerhafte Spuren hinterlassen, wie beispielsweise dissoziative Zustände, Bindungsprobleme, Persönlichkeitsveränderungen, Schuldgefühle, Scham, Wut, Identitätsstörungen, emotionale Verletzungen, Substanzmissbrauch, gestörte Grundüberzeugungen und körperliche Empfindungen im Zusammenhang mit chronischem Stress. Diese Symptome schwanken im Laufe des Lebens und entsprechen nicht immer einer PTSD-Diagnose, wodurch das Risiko einer Unterbehandlung besteht.
„Versteckte“ Auswirkungen jenseits der PTBS
Eine in Frontiers in Psychiatry (2020) veröffentlichte Studie identifiziert diese subtilen Anzeichen bei Überlebenden von Gewalt und Krieg, insbesondere bei verzögerten Reaktionen, bei denen sich Symptome unterhalb der Schwelle zu verschiedenen Störungen entwickeln, ohne dass ein erkennbarer Zusammenhang mit dem ursprünglichen Trauma besteht. Die Autoren betonen, dass diese austauschbaren Auswirkungen – wie etwa als Reizbarkeit getarnte Hypervigilanz oder als unerklärliche Schmerzen wahrgenommene Körpererinnerungen – jahrelang anhalten, wenn sie ignoriert werden, und durch unzureichende Bewältigungsstrategien und fehlende Schutzressourcen noch verstärkt werden.
Verzögerte und chronische Symptome
Bei verzögert auftretenden Symptomen zeigen Betroffene schwankende Beschwerden wie plötzliche Dissoziationen oder wiederkehrende Wutausbrüche, die häufig fälschlicherweise als Depression oder ADHS diagnostiziert werden, ohne das zugrunde liegende Trauma zu untersuchen. Die Studie hebt vier Verläufe hervor: Resilienz (wenige Symptome), Genesung (schnelle Besserung), verzögerte Erkrankung (Verschlechterung der Symptome unterhalb der klinischen Schwelle) und chronische Erkrankung (persistierende PTBS), bei denen subtile Anzeichen einer Standarddiagnose entgehen.
Auswirkungen auf das tägliche Leben
Unbehandelte Traumata beeinträchtigen Beziehungen, Arbeit und körperliche Gesundheit über Jahrzehnte hinweg und führen zu Phänomenen wie „moralischen Verletzungen“ (Verletzungen tief verwurzelter Werte) oder dissoziativen Zuständen, die als Burnout getarnt sind. Eine weitere Studie zum Brand im Nachtclub Station (2012) bestätigt, dass emotionale Traumata, unabhängig von körperlichen Verletzungen, depressive Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen und eine langfristige Verschlechterung der Lebensqualität verursachen. Das Erkennen dieser frühen Anzeichen durch eine kontextbezogene Analyse ermöglicht gezielte Interventionen, um das Gleichgewicht zwischen Verletzlichkeit und Resilienz wiederherzustellen.
Kurz gesagt, emotionale Schocks sind nicht immer einfach nur ein Fall von „klassischer“ PTBS: Sie können sich als subtile Signale in den Alltag einschleichen, die sich im Laufe der Jahre verändern. Sie als solche zu erkennen bedeutet nicht, „in der Vergangenheit zu verharren“, sondern vielmehr, Symptomen, die manchmal falsch interpretiert werden, wieder Bedeutung zu verleihen und den Weg zu einer wirklich angemessenen Behandlung zu ebnen.
