Ob beim Einkaufen, in der U-Bahn, beim Bummeln durch die Straßen oder sogar bei der Arbeit – wir tragen von morgens bis abends Kopfhörer. Dieses Accessoire, das den Lärm der Stadt ausblendet und die Geräusche der Züge durch eine angenehme Playlist ersetzt, ist fast schon ein Teil von uns geworden. Übermäßiger Kopfhörerkonsum hat jedoch psychologische Folgen.
Schwierigkeiten, sich selbst zuzuhören
Kopfhörer sind uns quasi an die Ohren gewachsen. Auf dem Weg zur Arbeit hören wir die rasanten Geschichten eines Podcasts oder die fesselnde Erzählung unseres x-ten Hörbuchs. Im Büro dröhnt Musik, die uns bei der Konzentration unterstützt und uns von Ablenkungen und gesprächigen Kollegen abschirmt. Im Fitnessstudio motivieren sie uns mit energiegeladenen Musik-Medleys. Und abends, wenn wir zu Hause sind, spielen sie uns Regen- oder Donnergeräusche vor – unsere sanften Schlaflieder. Kurz gesagt: Diese Bluetooth- fähigen Geräte, die Nachfolger von Radio und Walkman, sind eine Erweiterung unseres Gehörs.
Wenn der Strom ausfällt, ist es, als ginge die Welt unter. Man fühlt sich völlig hilflos, als könnte man keinen Tag im Lärm der Umgebung überleben. Als hätte man eine akustische Intoleranz gegenüber Autohupen, Motorengeräuschen und dem Lärm der Menschheit. Ständig Kopfhörer zu tragen, bedeutet nicht nur, sich in seine eigene Welt zurückzuziehen. Es bedeutet, die innere Stimme zu dämpfen und die eigenen Gefühle zu unterdrücken. Wenn die Lautstärke der Kopfhörer auf Maximum steht, sind die Gefühle stummgeschaltet.
„Kopfhörer können ein wertvolles Hilfsmittel sein, um Stress abzubauen, indem man Musik oder Achtsamkeits-Podcasts hört. Ihr übermäßiger und zwanghafter Gebrauch kann jedoch dazu führen, dass sich manche Menschen isolieren und soziale Kontakte meiden“, erklärt Dr. Grant Blashki im Magazin „ Body and Soul“ . So hat das Hören tibetischer Klangschalen zur Beruhigung vor einem Vorstellungsgespräch nicht denselben beruhigenden Effekt wie das Hören wahlloser Musik in der Mittagspause. Menschen, die von Kopfhörern abhängig sind, sind in der Regel diejenigen, die Stille und absolute Ruhe nicht ertragen können. Sie fürchten diese Einsamkeit und die damit verbundene innere Unruhe.
Wenn Musik zum Zufluchtsort wird
Die Erklärung für diese Kopfhörersucht ist vielleicht rationaler und spiegelt nicht immer eine panische Angst vor Stille wider. Es ist bekannt, dass Musik die Seele beruhigt. Sie ist unsere Therapie, jederzeit verfügbar über Kopfhörer oder Ohrhörer. Und man muss nicht unbedingt Pharrell Williams' „Happy“ hören, um diesen kleinen Dopaminrausch zu genießen. Musik „wirkt im Gehirn auf den Belohnungskreislauf, da sie mit dem Lust- und Belohnungssystem verbunden ist“, erklärt der Neurologe und Neurophysiologe Pierre Lemarquis gegenüber actu.fr.
Das erklärt unsere fast schon zwanghafte Sehnsucht nach Rhythmus und Groove. Ein Klang führt zum nächsten, wie Schokolade. Musik regt zudem die Ausschüttung von körpereigenem Morphin an und ahmt die chemische Zusammensetzung von Antidepressiva im Körper nach – ganz ohne Suchtrisiko. Genau deshalb drücken wir immer wieder auf Play, egal was wir gerade tun. Musik wirkt wie ein Schutzraum in schwierigen Zeiten.
Wie der Experte betont, erzeugt Musik auch die Illusion von Präsenz: Sie durchbricht die Isolation. Zudem hat sie den Vorteil, positive Emotionen wiederzubeleben. Musik aus der Jugend oder von Familientreffen zu hören, wirkt ungemein beruhigend. Nicht umsonst werden Menschen mit Alzheimer sogenannte Erinnerungsmusik-Sitzungen verschrieben. Das Hören von True-Crime-Folgen über die schlimmsten Serienmörder der Geschichte ist hingegen deutlich weniger hilfreich.
Die Angst vor Langeweile im Hintergrund
Das Tragen von Kopfhörern und das Eintauchen in die sanften Bässe, die den Rhythmus unseres Alltags bestimmen, ist auch eine Möglichkeit, der Monotonie zu entfliehen. Diese Hörgewohnheit, die alles andere als ungewöhnlich ist, spiegelt ein ständiges Bedürfnis nach Ablenkung wider, eine Schwierigkeit, einfach mal abzuschalten. Das wiederholte Hören von Audioinhalten hindert uns am Tagträumen, Nachdenken, Fantasieren und Kreativsein.
Sich die vorbeiziehende Landschaft im Zug anzusehen, ohne die neuesten Hits im Ohr zu haben, erscheint fast undenkbar. Genauso wie die Kopfhörer zu Hause zu lassen, wenn man alleine spazieren geht. Doch Langeweile, so belastend und verwirrend sie auch sein mag, ist zutiefst erholsam. „Man muss sich Momente der Stille gönnen: einen kurzen Spaziergang ohne Kopfhörer oder einfach die Gedanken schweifen lassen“, ergänzt Dr. Teresa Wenhart, Musikpsychologin und Musikerin aus Zürich, in der Zeitschrift „20 Minutes“ .
Das Tragen von Kopfhörern von morgens bis abends ist kein Zeichen von Rückzug oder „asozialem“ Verhalten. Dieses moderne Verhalten, das oft als unhöflich gilt, deutet auf tieferliegende Probleme hin.
