Vielleicht kennen Sie das: Ihr Terminkalender ist übervoll, Ihr Handy vibriert ununterbrochen, und obwohl Sie völlig erschöpft sind, sind Sie immer wieder zur Stelle. Das sogenannte „Hyperverfügbarkeitssyndrom“ beschreibt diesen Mechanismus, bei dem „Ja“ nicht mehr eine bewusste Entscheidung, sondern ein tief verwurzelter Reflex ist. Sie stellen Ihre Energie, Ihre Zeit und Ihre persönlichen Bedürfnisse hintenan, um Erwartungen zu erfüllen, oft ohne sich überhaupt zu fragen, ob es das Richtige für Sie ist.
Wenn Großzügigkeit Vorrang vor Ausgewogenheit hat.
Auf den ersten Blick scheint übermäßige Verfügbarkeit eine positive Eigenschaft zu sein: Man gilt als zuverlässig, engagiert und aufmerksam, und die Mitmenschen wissen, dass sie sich auf einen verlassen können. Der Körper wird als belastbar, der Geist als stark und die eigene Präsenz als beruhigend wahrgenommen. Doch diese ständige Großzügigkeit kann Schwierigkeiten beim Setzen gesunder Grenzen verschleiern.
Psychologisch entwickelt sich dieses Muster oft früh. Eine Erziehung, die Selbstlosigkeit hochhält, Erfahrungen, in denen Liebe oder Anerkennung von der eigenen Nützlichkeit abhingen, oder auch die Angst, als egoistisch wahrgenommen zu werden, können dazu führen, dass man ständig verfügbar ist. Die Sensibilität für die Bedürfnisse anderer wird so ausgeprägt, dass man Bitten antizipiert, noch bevor sie ausgesprochen werden. „Nein“ zu sagen, erscheint riskant, fast gefährlich, als bedrohe es den eigenen Platz in der Gruppe.
Körper und Geist an vorderster Front
Durch die ständige Reaktion auf alles, ununterbrochen, meldet sich Ihr Körper irgendwann zu Wort. Anhaltende Müdigkeit, unruhiger Schlaf, Muskelverspannungen und nachlassende Energie: Ihre natürliche Vitalität schwindet. Ihr sonst so leistungsfähiger, würdevoller und kraftvoller Körper ist überlastet und hat keine Zeit zur Erholung. Auf emotionaler Ebene macht sich ein weiteres Phänomen bemerkbar: Groll. Sie geben viel, ohne etwas zurückzubekommen, was eine tiefsitzende Frustration erzeugt, die manchmal von Schuldgefühlen begleitet wird.
Auch Beziehungen können aus dem Gleichgewicht geraten. Ständige Verfügbarkeit wird zur Norm, fast schon zu einer Selbstverständlichkeit. Andere gewöhnen sich daran, und man fühlt sich in einer Rolle gefangen, die einem keinen Raum mehr lässt, sich voll zu entfalten. Langfristig geht diese Art zu funktionieren mit verstärkter Angst, einem Verlust der Lebensfreude und mitunter depressiven Episoden einher. Nicht etwa aus Mangel an Stärke, sondern weil selbst die widerstandsfähigsten Körper Respekt und Zuwendung brauchen.
Die Zeichen im Alltag erkennen
Das Hyperverfügbarkeitssyndrom zeigt sich im Detail . Sie antworten sofort auf Nachrichten, selbst während Ihrer wohlverdienten Ruhepause. Sie sagen wichtige Termine ab, um anderen zu helfen. Allein der Gedanke, eine völlig berechtigte Bitte abzulehnen, bereitet Ihnen tiefes Unbehagen, ja sogar körperliche Schuldgefühle.
Diese Verhaltensweisen erstrecken sich auf alle Lebensbereiche: Arbeit, Familie, Freundschaften. Nach und nach füllt sich Ihr Alltag mit auferlegten Verpflichtungen, sodass kaum noch Raum für Ihre Wünsche, Ihre Kreativität und Ihre natürliche körperliche Energie bleibt.
Nimm deinen Platz zurück, ohne dich selbst zu verleugnen
Gute Nachricht: Sie können dieses Muster durchbrechen. Der erste Schritt ist, langsamer zu reagieren. Bevor Sie „Ja“ sagen, nehmen Sie sich Zeit zum Nachdenken. Fragen Sie sich, ob diese Anfrage mit Ihren Prioritäten, Ihrem Energielevel und Ihrem körperlichen und seelischen Wohlbefinden übereinstimmt.
Respektvoll „Nein“ zu sagen, ist ein Zeichen von Reife, keine Ablehnung. Eine einfache, ruhige und bestimmte Formulierung ermöglicht es Ihnen, die Verbindung aufrechtzuerhalten und gleichzeitig sich selbst wertzuschätzen. Es ist außerdem unerlässlich, sich feste Zeiten für sich selbst einzuplanen: Ruhe, Genuss, Durchatmen. Ihr Körper hat diesen Freiraum verdient.
Therapeutische Unterstützung, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, kann ebenfalls dazu beitragen, diese tief verwurzelten Reflexe zu verändern. Achtsamkeit stärkt derweil Ihr Bewusstsein für Ihre Körperempfindungen und Ihre wahren Bedürfnisse.
Kurz gesagt: Indem Sie Ihre Verfügbarkeit neu ausbalancieren, verlieren Sie nichts von Ihrem Wert. Im Gegenteil, Sie steigern ihn. Sie lernen, Ihren Körper mit Stolz zu bewohnen, Ihre Energie zu respektieren und Ihre Anwesenheit nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus freier Wahl anzubieten.
