Reinigen, Polieren, Desinfizieren: Das gehört zu Ihrem Alltag. Aber wussten Sie, dass manche Haushaltsprodukte langfristig Ihre Atmung beeinträchtigen können? Eine große europäische Studie untersuchte diese Frage – mit Ergebnissen, die uns zu denken geben…
Eine Langzeitstudie, die Fragen aufwirft
Im Jahr 2018 veröffentlichte ein Forscherteam der Universität Bergen, Norwegen, im American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine die Ergebnisse einer beeindruckenden Nachbeobachtung: 6.235 europäische Erwachsene wurden im Rahmen der ECRHS (European Community Respiratory Health Survey) über fast zwanzig Jahre beobachtet.
Mithilfe von drei im Zeitverlauf durchgeführten Spirometrie-Untersuchungen maßen Wissenschaftler die Veränderungen der Lungenfunktion der Teilnehmerinnen. Ihr wichtigstes Ergebnis betrifft Frauen, die regelmäßig Haushaltsreiniger verwenden, sei es zu Hause oder beruflich.
Bei diesen Frauen scheint der Rückgang der Lungenkapazität etwas schneller zu verlaufen als bei Frauen mit geringer Tabakrauchexposition. Das Ausmaß dieses Rückgangs über einen Zeitraum von 10 bis 20 Jahren ist vergleichbar mit dem bei moderaten Raucherinnen. Es handelt sich nicht um einen plötzlichen Effekt, sondern um ein allmähliches Phänomen, das sich mit der Zeit entwickelt.
Was geschieht in der Lunge?
Alltägliche Produkte wie Allzwecksprays, Bodenreiniger und Entkalker setzen bei der Anwendung chemische Dämpfe frei. Viele enthalten Ammoniak, Chlor oder quartäre Ammoniumverbindungen. In geringen Dosen reizen diese Substanzen die Bronchialschleimhaut. Bei wiederholter Anwendung über mehrere Wochen kann diese Belastung zu einer leichten chronischen Entzündung beitragen.
Die Studie hebt insbesondere einen jährlichen Rückgang des FEV1 (Einsekundenkapazität) um 22,1 ml bei Frauen hervor, die Hausarbeit verrichten, und um 22,4 ml bei professionellen Reinigungskräften. Bei Frauen ohne Strahlenexposition wird dieser Rückgang auf 18,5 ml pro Jahr geschätzt. Die forcierte Vitalkapazität (FVC) zeigt denselben Trend mit einer jährlichen Reduktion zwischen 13,1 und 15,9 ml, abhängig vom Expositionsgrad.
Bei Männern ist der Effekt deutlich weniger ausgeprägt, vermutlich weil sie in dieser Kohorte statistisch gesehen seltener an regelmäßigen Hausarbeiten beteiligt sind. Darüber hinaus waren 85 % derjenigen, die im Rahmen der Studie Haushaltsreinigungsarbeiten durchführten, Frauen.
Wichtig: Selbst die wöchentliche Anwendung eines einzelnen Produkts, ob Spray oder nicht, scheint zu diesem kumulativen Effekt beizutragen. Entscheidend sind die kleinen, wiederholten Anwendungen.
Ein Risiko, das lange unterschätzt wurde
Medizinisches Fachpersonal wusste bereits, dass bestimmte Haushaltsprodukte Asthmaanfälle oder akute Atemwegssymptome auslösen können, insbesondere bei Reinigungskräften. Diese Studie hebt eine eher unbemerkte Wirkung hervor, die nicht unbedingt mit akuten Symptomen einhergeht.
Die Studie zeigt kurzfristig keinen signifikanten Anstieg der Fälle von chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD). Der gemessene Rückgang der forcierten Vitalkapazität (FVC) deutet jedoch darauf hin, dass sich das Lungengewebe über mehrere Jahrzehnte verändern kann.
Im Vergleich dazu erleiden starke Raucher (mehr als 20 Packungsjahre) einen jährlichen FEV1-Verlust von bis zu 27 ml. Haushaltsreiniger liegen in einem mittleren Bereich, vergleichbar mit dem einer moderaten Tabakexposition. Dies sollte Anlass geben, diese im Haushalt oft als harmlos wahrgenommenen Praktiken neu zu bewerten.
Sauberkeit und gutes Atmen können Hand in Hand gehen.
Die gute Nachricht: Es geht nicht darum, auf ein sauberes Zuhause zu verzichten. Es geht vielmehr darum, Gewohnheiten anzunehmen, die Ihren Atem schonen.
- Lüften ist ein wichtiger Reflex. Das Öffnen der Fenster für mindestens fünfzehn Minuten während und nach der Reinigung trägt dazu bei, einen Großteil der reizenden Dämpfe zu entfernen.
- Reduzieren Sie die Häufigkeit des Sprühens, bevorzugen Sie nicht-sprühbare flüssige Darreichungsformen oder, noch besser, verwenden Sie einfache natürliche Alternativen wie verdünnten weißen Essig oder Backpulver.
- Denken Sie daran, sorgfältig abzumessen: Oft genügt eine kleine Menge. Das Tragen von Handschuhen verringert den Hautkontakt, und eine leichte Maske kann das Einatmen bei anstrengenderen Tätigkeiten reduzieren.
Letztendlich geht es in dieser Studie nicht darum, Ihnen Schuldgefühle einzureden, sondern Sie zu informieren. Mit ein paar einfachen Anpassungen Ihrer Gewohnheiten können Sie Ihre Atemwegsgesundheit langfristig erhalten. Frei atmen mit 50 oder 60 ist ein Geschenk, das Sie sich schon heute machen können, ohne auf Komfort oder Wohlbefinden verzichten zu müssen.
