Äußerlich wirkt diese Tanzschule wie jede andere. Doch sie ist weit mehr als ein Freizeitraum oder eine außerschulische Aktivität. Sie ist ein Zufluchtsort für junge Frauen mit Behinderung, ein sicherer Ort inmitten einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung diskriminiert und ihnen gegenüber wenig Gastfreundschaft entgegenbringt. Bei Disabled& können die Mitglieder in rosa Tutus und weichen Hausschuhen ihrer Leidenschaft ohne Vorurteile nachgehen. Hier ist Behinderung kein Hindernis, sondern ein integraler Bestandteil der Performance.
Eine inklusive Tanzschule, die Behinderung in den Mittelpunkt stellt
In diesen mit Spiegeln ausgekleideten Räumen, in denen Barren die einzige Dekoration bilden, üben die jungen Ballerinen in Ausbildung Katzenschritte und Arabesken. Sichtlich ahmen sie ihre Tanzlehrerin nach, die eine Handdeformität hat. Obwohl sie alle die gleiche puderrosa Uniform und den gleichen Satin-Trikot tragen, sind sie alles andere als bloße Kopien.
Manche haben amputierte Arme oder eine fehlende Hand, andere ein unregelmäßiges Skelett. In diesem Tanzstudio ist Behinderung kein Tabuwort, geschweige denn eine Beleidigung. Sie prangt sogar in Großbuchstaben auf dem Firmenschild. Während Behinderung in traditionellen Studios fast ein Ausschlusskriterium ist und vielen Bewerbern den Zugang verwehrt, ist sie in diesem Umfeld der Vielfalt die Norm, ein Grundprinzip.
Diese kleinen Mädchen, die sich oft unvollständig, missverstanden und manchmal wie bloße Kuriositäten gefühlt haben, haben endlich einen Ort, der ihnen gewidmet ist. Disabled& ist ein Zufluchtsort für Menschen mit Behinderungen: für jene, die außerhalb der Norm geboren wurden oder durch einen Unfall eine Gliedmaße verloren haben. Es ist ein inklusives Schaufenster, das diese Frauen ins Rampenlicht rückt, die die Gesellschaft lieber aus dem öffentlichen Leben ausschließt. Was die Wissenschaft offiziell als Anomalie bezeichnet, wird hier zu einer Stärke. Darüber hinaus bilden diese kleinen Mädchen, die ihre Behinderung nicht länger rechtfertigen oder ihren Wert auf dem polierten Parkett beweisen müssen, ein harmonisches Ballett, vor allem aber eine fröhliche Menschenkette.
Behinderung in kreative Energie verwandeln: eine Lebensmission
In der kollektiven Vorstellung wird Behinderung unweigerlich als Belastung wahrgenommen. Sie ruft fragende Blicke hervor, erfordert ständige Anpassungen im Alltag und bringt gewisse Opfer mit sich. Doch Behinderung ist auch eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration, ein kraftvolles Ausdrucksmittel.
Das ist zumindest die Vision von April Lockhart, der Gründerin dieser einzigartigen „Gemeinschaft“, die sich den vergessenen Mitgliedern der Gesellschaft widmet. „Ja, eine Behinderung zu haben, ist Teil unserer Identität. Aber sie ist sicherlich nicht alles. Man kann eine Behinderung haben und Autor, Redner, CEO, Tänzer, Maler, Technologieexperte, Model, Konditor sein … (die Liste ließe sich fortsetzen)“, heißt es im Manifest auf der Website, das diese positive Philosophie als Kernbotschaft widerspiegelt.
Sie erweckte etwas zum Leben, das viele für eine Utopie oder einen verlorenen Traum hielten, angetrieben von einem tiefen Gefühl der Solidarität. Sie sah darin weder eine Marketingchance noch einen beruflichen Vorteil, sondern eine Chance, Menschen für ein gemeinsames Ziel zu vereinen und an einem kollektiven Wandel teilzuhaben. „Disabled&“ ist somit eine Art Rache an einer Welt, die Menschen mit Behinderung diskriminiert, anstatt sie zu integrieren, und die Behinderung fatalistisch begegnet.
In diesem Paralleluniversum sind Rollstühle , Gehstöcke, Krücken und Beinprothesen im Vergleich zu einer gewaltigen Vorstellungskraft nur Nebensächlichkeiten. Mit „Disabled&“ möchte April Lockhart Mitleid in Bewunderung verwandeln und all jenen gerecht werden, die darum kämpfen, trotz ihrer Behinderung ein erfülltes Leben zu führen.
Diesen Beitrag auf Instagram ansehen
Die Frau hinter diesem wohltätigen Konzept, eine ungewöhnliche Heldin
April Lockhart begab sich auf dieses humanitäre Abenteuer und machte es sich zur Lebensaufgabe, weil sie sich mit all jenen identifiziert, die doppelt so hart arbeiten müssen, um auch nur ein wenig Anerkennung zu erlangen. Sie, die sich lieber als „modische Frau mit Behinderung“ bezeichnet als in Schubladen gesteckte Etiketten, kennt diese Situation aus eigener Erfahrung.
Bevor sie 2025 einen Platz auf der renommierten Forbes-Liste „30 Under 30“ ergatterte, erlebte sie skeptische Blicke, aufdringliches Getuschel und bohrende Fragen. Sie weiß, wie es ist, die Außenseiterin zu sein, das „besondere“ Mädchen in der Gruppe. Sie kennt das Gefühl der Einsamkeit inmitten von Menschen, die ihr das Gefühl gaben, nicht normal zu sein, doch das Wort „unmöglich“ ist ihr völlig fremd. Außerdem liegt das Hindernis nicht in ihrem Körper, sondern überall sonst. Trotz aller Hürden hat diese Aktivistin für Menschen mit Behinderung ihren eigenen Weg zum Erfolg beschritten. Sie lief unter anderem für Victoria’s Secret über den Laufsteg und setzte sich dort für Vielfalt ein.
Disabled& war die logische Fortsetzung dieses Engagements für Solidarität, der Höhepunkt ihres Einsatzes für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Gesprächsrunden, Tanzkurse, Retreats zur Stärkung des Zusammenhalts unter Frauen, kreative Aktivitäten… Diese Plattform dient als Sprungbrett für alle, die zu Unrecht an den Rand gedrängt werden.
Disabled& bestärkt Menschen mit Behinderungen darin, ihre eigene Geschichte zu erzählen und sich jenseits ihrer körperlichen Merkmale zu definieren. In diesem Umfeld, in dem Vertrauen an erster Stelle steht, beginnt Selbstliebe früh und lässt keinen Raum für Unsicherheiten oder Zweifel. Die jungen Frauen in Chiffonkleidern gehen so ihren eigenen, einzigartigen Weg und befreien sich von Stereotypen.
