Es ist ein Szenario, das wir alle fürchten. Nachdem wir die Tage bis zu unserem Urlaub gezählt haben, verschlechtert sich unser Gesundheitszustand im denkbar ungünstigsten Moment. Trotz unzähliger Vorsichtsmaßnahmen vor unserer großen Abreise erwischt uns eine hartnäckige Grippe, die uns zwingt, unsere Pläne zu ändern. Oft ist es jedoch nicht nur Pech, sondern eher das sogenannte „Paradies-Syndrom“, ein seltsames Phänomen, das uns das Gefühl gibt, verflucht zu sein.
Krank werden gleich zu Beginn der Feiertage, ein Ritual
Ab Juni markieren wir unsere Termine im Kalender wie Häftlinge bis zu ihrer Entlassung. Wir fiebern den Ferien entgegen und malen uns schon aus, wie wir unter Kokospalmen sitzen, den Wellen beim Brechen an den Felsen zusehen und den Sonnenuntergang über dem Meer beobachten.
Nach monatelanger harter Arbeit freuen wir uns darauf, den Bürostuhl gegen einen Liegestuhl und den Blick auf die Kollegen gegen ein traumhaftes Panorama einzutauschen. Doch manchmal meint es das Schicksal nicht gut mit uns. Am Tag vor dem Urlaub und dem Aufbruch zu neuen Horizonten plagen uns eine laufende Nase, ein Kratzen im Hals und pochende Kopfschmerzen.
Dennoch treffen wir zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen, um uns vor unserer großen Abreise nicht unwohl zu fühlen: Wir meiden Klimaanlagen, selbst wenn wir dabei wie in einer Sauna schwitzen und ersticken; wir weichen Kussversuchen aus und desinfizieren unsere Hände penibel, bis sie fast trocken sind. Trotzdem erwischt uns eine hartnäckige Erkältung unerklärlicher Ursache. Wir vermuten dann einen göttlichen Fluch oder einfach nur Pech.
Viele haben diese unliebsame Erfahrung bereits gemacht. Die Situation ist so verbreitet, dass man den Urlaub mittlerweile verschieben kann, um ihn nicht im Bett verbringen zu müssen und ihn in vollen Zügen genießen zu können.
Das „Paradies-Syndrom“, die wahrscheinlichste Erklärung
Die medizinische Fachwelt bietet eine rationalere Erklärung als esoterische Diagnosen. Sie spricht vom „Paradies-Syndrom“. „Tatsächlich betrifft die ‚Freizeitkrankheit‘ alle Menschen, die sehr intensive Berufe mit viel Stress, hoher mentaler Belastung und einem anhaltend hohen Arbeitstempo ausüben“, erklärt Carla Valette, Assistenzärztin für Innere Medizin, gegenüber 20 Minutes .
Statt uns am warmen Sandstrand zu aalen, müssen wir uns unfreiwillig in unseren Hotelbetten erholen. Unsere sorgfältig geplante Reiseroute gerät völlig durcheinander. Die Symptome sind von Person zu Person unterschiedlich, ebenso wie ihre Intensität. Manchmal äußert es sich in einer leichten Erkältung, manchmal aber auch in so heftigen Migräneanfällen, dass ein Gang vor die Tür undenkbar ist. Wir haben dann das Gefühl, unser Immunsystem verlasse uns – und das ist kein Zufall. Der Arzt bestätigt, dass unsere Abwehrkräfte gerade zu Beginn des Urlaubs, der doch eine willkommene Auszeit vom hektischen Alltag sein soll, manchmal völlig geschwächt sind.
Überraschenderweise hält uns der Stress am Arbeitsplatz in einem „Überlebensmodus“. Er ist daher ein guter „Treibstoff“ für das Immunsystem. Nimmt er ab, muss sich der Körper zwangsläufig neu anpassen und braucht Zeit zur Regeneration. Das erklärt, warum er in dieser Zeit, in der wir alle hoffen, gesund zu bleiben, weniger leistungsfähig ist.
Laut Experten sind die Nebenwirkungen des Loslassens
Auch wenn Urlaub manchmal Ängste mit sich bringt, wie die Angst vor einer Reifenpanne auf dem Heimweg oder davor, etwas Wichtiges zu vergessen, steht er im Allgemeinen für Entspannung und Erholung. Wir konzentrieren uns ganz darauf, den Moment zu genießen. Unsere einzigen Verpflichtungen sind die Reservierung eines Tisches im Restaurant und die Planung eines Aperitifs zum Sonnenuntergang. „Im Urlaub lässt der Körper die Wachsamkeit nach, entspannt sich und wir sind anfälliger für Infektionen und Viren“, erklärt die Praktikantin.
Und nein, es ist nicht einfach nur „Einbildung“. Wir erfinden diese Symptome nicht. „Es ist überhaupt nicht psychologisch, sondern physiologisch“, betont der Experte und fügt hinzu: „Das erklärt auch, warum diese Menschen während der Arbeit oft selten krank sind.“
Und wenn das „Paradiessyndrom“ unseren hart verdienten Urlaub in einen Albtraum verwandelt, müssen wir Geduld haben. Es gibt keine Wundermittel, nur eine kleine innere Umstellung. Es ist eine Gelegenheit, wieder zu lernen, auf unseren Körper zu hören, der im beruflichen Alltag oft zum Schweigen gebracht wird.
