Dating-Apps bieten innerhalb von Minuten Zugriff auf Hunderte von Profilen. Kann dieser Eindruck ständiger Fülle bestehende Beziehungen schwächen? Zwischen der Illusion unendlicher Möglichkeiten und den sich wandelnden Normen der Liebe beleuchten mehrere wissenschaftliche Studien diese Frage.
Eine von Forschern analysierte Logik des „Liebesmarktes“.
Plattformen wie Tinder, Bumble und Meetic basieren auf dem Prinzip, Profile anhand bestimmter Kriterien zu sammeln und zu filtern. Dieser Mechanismus wurde von dem Psychologen Eli Finkel und seinen Kollegen eingehend untersucht.
In einer in der Fachzeitschrift „Psychological Science in the Public Interest“ veröffentlichten Analyse erklären Forscher, dass Dating-Portale die Partnersuche in einen Auswahlprozess verwandeln, der einem Markt mit algorithmischen Filtern ähnelt. Laut ihren Ausführungen kann die Konfrontation mit einer Vielzahl von Optionen die Art und Weise verändern, wie Menschen potenzielle Partner bewerten, und die Vorstellung verstärken, dass es immer eine passendere Alternative gibt.
Das Paradox der Wahl: Zu viele Optionen, weniger Zufriedenheit?
Das vom Psychologen Barry Schwartz entwickelte Konzept des „Paradoxons der Wahl“ besagt, dass eine Vervielfachung der Optionen die Zufriedenheit verringern und die Entscheidungsangst erhöhen kann.
Übertragen auf Online-Dating könnte dieses Phänomen erklären, warum es manchen Menschen schwerfällt, sich auf eine langfristige Beziehung einzulassen. Das Bewusstsein, eine große Anzahl verfügbarer Profile zu sehen, kann die Vorstellung verstärken, dass ein potenziell „besserer“ Partner in greifbarer Nähe ist. Es ist wichtig zu betonen, dass dieses Konzept nicht spezifisch für Dating-Apps ist, sondern regelmäßig von Forschern zur Analyse ihrer Auswirkungen herangezogen wird.
Ist das Engagement tatsächlich geschwächt?
Einige Studien zeigen, dass allein die Konfrontation mit Alternativen unsere Wahrnehmung des Geschehens beeinflussen kann. Eine in der Fachzeitschrift „Computers in Human Behavior“ veröffentlichte Studie untersucht die Dynamik appbasierter Begegnungen. Sie hebt die Bedeutung von Kommunikation und des Übergangs zu Offline-Interaktionen für den Erhalt einer starken Beziehung hervor. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Art der Nutzung – und nicht das Tool selbst – maßgeblich die Qualität der Beziehung bestimmt.
Die Forscher kommen nicht zu dem Schluss, dass die Vielzahl der Profile mechanisch zu Abbrüchen führt, sondern betonen die zentrale Rolle des Verhaltens der Nutzer.
Sind Online-Paare weniger stabil?
Entgegen mancher vorgefasster Meinungen zeigen die verfügbaren Daten nicht, dass Paare, die sich online kennengelernt haben, labiler sind.
Eine groß angelegte Studie analysierte über 19.000 Ehen in den Vereinigten Staaten. Die Ergebnisse zeigen, dass Paare, die sich online kennengelernt hatten, eine vergleichbare – oder sogar etwas höhere – Zufriedenheit angaben als Paare, die sich offline kennengelernt hatten. Zudem wiesen sie zum Zeitpunkt der Studie eine etwas niedrigere Trennungsrate auf. Diese Daten legen nahe, dass die Art des Kennenlernens an sich kein Faktor für die Stabilität einer Ehe ist.
Die Trivialisierung von Dating-Apps
Die Nutzung digitaler Plattformen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Laut dem Pew Research Center gaben im Jahr 2020 etwa 30 % der erwachsenen Amerikaner an, eine Dating-App oder -Website genutzt zu haben.
Der Bericht hebt hervor, dass zwar einige Erfahrungen negativ sind (Belästigung, unangemessenes Verhalten), die Mehrheit der Nutzer ihre Gesamterfahrung jedoch als positiv oder neutral beschreibt. Diese Normalisierung trägt dazu bei, Online-Dating in moderne romantische Beziehungen zu integrieren, ohne zwangsläufig eine erhöhte Instabilität zu implizieren.
Die Illusion des Überflusses, ein psychologischer und kein struktureller Faktor
Die Forschung kommt zu einem gemeinsamen Ergebnis: Die Vielzahl an Profilen kann zwar die Wahrnehmung von Alternativen beeinflussen, führt aber nicht zwangsläufig zu einer Schwächung der Beziehungen. Folgende Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle:
- Klarheit der Beziehungsabsichten
- Kommunikation im Zusammenhang mit Exklusivität
- emotionale Investition
- Kompatibilität und gemeinsame Projekte
Anders ausgedrückt: Die Anwendung fungiert als Werkzeug. Die Beziehungsdynamik hängt primär von den Verhaltensweisen und Erwartungen der Partner ab.
Zwischen Wahlfreiheit und Verpflichtung
Die Vielzahl an Profilen kann den Eindruck unendlicher Möglichkeiten erwecken und bei manchen Menschen zu anhaltender Unentschlossenheit führen. Wissenschaftliche Daten belegen jedoch nicht, dass Paare, die über Dating-Apps zusammengefunden haben, weniger stabil sind. Die Stärke einer Beziehung beruht primär auf zwischenmenschlichen Faktoren: Vertrauen, Kommunikation und gegenseitigem Engagement. Dating-Apps verändern zwar die Art und Weise, wie Menschen Kontakte knüpfen, bestimmen aber nicht allein die Stabilität einer Beziehung.
In einer Welt, in der die Möglichkeiten zahlreich erscheinen, bleibt die Fähigkeit, auszuwählen und zu investieren, die eigentliche Herausforderung für moderne romantische Beziehungen.
