In der allgemeinen Vorstellung leben Frauen mittleren Alters glücklich bis ans Lebensende mit ihren Ehemännern und unternehmen gemeinsam Kreuzfahrten. Psychologen zufolge sind verheiratete Frauen in ihren Siebzigern jedoch nicht die zufriedensten. Frauen in ihren Siebzigern, die sich bewusst für ein Leben als Single entschieden haben, erleben hingegen jeden Tag der zweiten Lebenshälfte Glück.
Alleinstehende Frauen in ihren Siebzigern, erfüllte Frauen
Mit dreißig noch Single zu sein, ist schwer zu akzeptieren, vier Jahrzehnte später aber fast undenkbar. Weit verbreitet ist die Annahme, dass 70-jährige Frauen zwangsläufig mit ihrer Jugendliebe zusammenleben. Die (nicht ganz) logische Schlussfolgerung: Wenn sie allein zu Hause wohnen, haben sie ihren Mann verloren. Doch nicht alle unabhängigen Frauen in ihren Siebzigern sind trauernde Witwen. Manche trennen sich freiwillig von ihren Partnern, in einem Alter, in dem andere ihre Ehe bekräftigen. Andere sind einfach langjährige Singles, die sich bewusst für sich selbst und gegen eine feste Beziehung entschieden haben.
In Frankreich haben laut INSEE (dem französischen Nationalen Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien) 48 % der über 70-Jährigen keinen Partner. Und trotz des Booms von Dating-Apps für Senioren gibt es Frauen, die keine Beziehung brauchen, um sich vollständig zu fühlen. Emotional im Ruhestand, sind sie selbstständig und genießen ihre Unabhängigkeit, indem sie alleine verreisen, Pyjama-Partys mit Freundinnen veranstalten und in glitzernden Kleidern Bars besuchen. Kurz gesagt: Sie sitzen alles andere als verzweifelt mit Stricknadeln in der Hand am Fenster. In der Zeitschrift SELF drücken die interviewten Frauen alle dasselbe Gefühl aus: tiefen inneren Frieden, ein Gefühl der Wiedergeburt und spirituelle Erneuerung. Diese silberhaarigen Bridget Joneses, die eine Scheidung überwunden haben oder von Natur aus Single sind, sagen, sie seien mit sich im Reinen.
Während andere Frauen ihrer Generation scheinbar dazu verdammt sind, den Rest ihres Lebens mit einem Partner zu verbringen, der aus gesellschaftlicher Verpflichtung und nicht aus echter Zuneigung gewählt wurde, wissen sie ihr Glück zu schätzen, so frei wie ein Vogel zu sein. Diese freudige Darstellung steht in scharfem Kontrast zum Mythos der desillusionierten Jungfer , die Katzen statt Liebhaber sammelt.
Eine sentimentale Bewertung, die den Normen widerspricht
Jahrelang galt das Single-Dasein als gleichbedeutend mit Scheitern, Fehltritt oder gar persönlichem Ruin. Gesellschaftlich wurde es als Vorbote einer düsteren und beunruhigenden Zukunft gesehen. Alleinstehende Frauen fühlten sich ausgegrenzt: missverstanden, mitunter mit Mitleid oder Verachtung behandelt. Die Ehe hingegen war ein lebenslanges Projekt, ein Ideal, nach dem es zu streben galt. Glücklicherweise bröckelt diese Norm in einer Art befreiender Begeisterung. Eine Partnerschaft ist nicht länger die alleinige Voraussetzung für emotionales Wohlbefinden und Erfüllung. Die Soziologin Dr. Bella DePaulo hat sogar das Konzept der „im Herzen Single“ entwickelt. Laut ihr und basierend auf ihren persönlichen Erfahrungen sind diese 70-jährigen Frauen nicht unfreiwillig Single: Sie ertragen diesen Status nicht, sondern blühen darin auf und machen ihn beinahe zu einer Lebenseinstellung.
Der eigentliche Unterschied liegt im mentalen Aspekt: die Freiheit, die eigene Zeit, den Alltag und sogar die Gedanken selbst zu gestalten, ohne ständig die Erwartungen oder Reaktionen eines anderen berücksichtigen zu müssen. Wie Dr. DePaulo erklärt, nimmt die Anwesenheit eines Partners meist einen permanenten Platz im Bewusstsein ein, manchmal subtil, aber selten abwesend. Diese Anwesenheit kann manchen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, aber auch belastend werden und eine Art ständige Wachsamkeit gegenüber den Gedanken, Gefühlen und Erwartungen des anderen erzeugen.
Wenn wir uns von dieser Dynamik befreien, können wir unsere Aufmerksamkeit und Energie wieder ganz auf uns selbst richten. Laut einer groß angelegten Studie mit 460.000 Teilnehmern erreicht die Lebenszufriedenheit ihren Höhepunkt im Alter von 70 Jahren, was oft als goldenes Zeitalter, als Nirvana, bezeichnet wird.
Die Moral von der Geschichte: Es ist nie zu spät, das Single-Leben zu genießen.
Diese Generation alleinstehender Frauen definiert das Glück nach dem 70. Lebensjahr neu. Wo traditionelle Modelle das Alter systematisch mit dem Eheleben in Verbindung brachten, beweisen sie, dass es auch andere Wege gibt, ein glückliches und erfülltes Alter zu gestalten.
Ihre Lebenswege erinnern uns daran, dass es nicht nur einen Weg zu einem erfüllten Liebesleben gibt. Manche finden ihr Gleichgewicht in einer dauerhaften Beziehung, andere darin, ihre Unabhängigkeit voll und ganz zu genießen. Und entgegen der landläufigen Meinung bedeutet ein späteres Single-Dasein nicht zwangsläufig emotionale Einsamkeit.
Für viele dieser Frauen bedeutet diese Lebensphase sogar eine Art Wiedergeburt: weniger Zwänge, mehr Zeit für sich selbst und die Möglichkeit, endlich nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben. Diese Sichtweise trägt allmählich dazu bei, das Bild älterer, alleinstehender Frauen zu verändern.
