Einsamkeit wird oft als „Makel, der behoben werden muss“ dargestellt. Eine aktuelle Studie legt nahe, diese Sichtweise zu überdenken. Laut dieser Studie kann das Genießen von Momenten allein bei manchen Menschen mit „hoher Intelligenz und guter emotionaler Autonomie“ zusammenhängen.
Ist Einsamkeit wirklich ein Makel?
Der Begriff „Fehler“ bedarf hier einer genaueren Betrachtung. Alleinsein zu genießen ist an sich kein Problem. Manche Menschen tanken in Gesellschaft anderer neue Energie, während andere Ruhe und Privatsphäre brauchen, um ihr Gleichgewicht zu finden.
Wir alle funktionieren unterschiedlich, und das ist völlig normal. Alleinsein zu bevorzugen bedeutet nicht, traurig zu sein, andere abzulehnen oder sozial unbeholfen zu sein. Es kann einfach ein anderes Temperament widerspiegeln. Es ist also nichts Verwerfliches daran, die eigene Gesellschaft zu genießen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit kann genauso legitim sein wie das Bedürfnis nach sozialer Interaktion.
Was die Studie zeigt
Diese im British Journal of Psychology veröffentlichte Studie basierte auf Daten von rund 5.000 Teilnehmern. Die Forscher stellten fest, dass Menschen, die Einsamkeit besonders schätzten, vor allem in städtischen Umgebungen, im Durchschnitt einen höheren IQ und eine hohe persönliche Zufriedenheit aufwiesen.
Es geht nicht darum, zu behaupten, dass alle intelligenten Menschen allein leben wollen, noch dass gesellige Menschen weniger gesellig sind. Vielmehr handelt es sich um einen statistischen Trend innerhalb einer Gruppe, mit allen damit verbundenen Nuancen. Die Ergebnisse deuten vor allem darauf hin, dass manche Menschen mit ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten weniger auf häufige soziale Interaktionen angewiesen zu sein scheinen, um sich wohlzufühlen.
Warum das so erklärt werden könnte
Forscher stellen eine Theorie auf, die als „Savannentheorie“ bezeichnet wird. Laut dieser Hypothese entwickelten unsere Vorfahren Verhaltensweisen, die an das Gruppenleben angepasst waren, welches für das Überleben unerlässlich war.
Moderne Umgebungen sind heute komplexer und erfordern mitunter ein hohes Maß an individueller Anpassungsfähigkeit. Hochintelligente Menschen fühlen sich daher möglicherweise wohler, wenn sie bestimmte Situationen selbstständig bewältigen, Probleme lösen oder ihren Alltag organisieren können, ohne ständig soziale Stimulation zu suchen. Anders ausgedrückt: Sie ziehen möglicherweise mehr Zufriedenheit aus einem autonomen Handeln.
Ein Reichtum, der oft missverstanden wird
Gewählte Einsamkeit wird manchmal fälschlicherweise als Rückzug interpretiert. Sie kann jedoch auch gleichbedeutend mit Konzentration, Kreativität und tiefer Reflexion sein.
Manche Menschen brauchen Stille zum Nachdenken, Kreativsein, Lesen, Lernen oder einfach nur zum Auftanken. Andere genießen den Wechsel zwischen Geselligkeit und Zeit für sich allein. Auch hier gilt: Kein Ansatz ist besser als der andere. Alleinsein zu genießen, macht einen nicht kalt, seltsam oder unnahbar. Es kann einfach bedeuten, dass man weiß, was einem guttut.
Es gibt keinen einzigen Weg zur Erfüllung.
Es ist wichtig zu bedenken, dass eine einzelne Studie niemals einen Menschen vollständig definieren kann. Intelligenz ist vielschichtig, ebenso wie die Persönlichkeit, und jeder findet sein Gleichgewicht auf seine eigene Weise. Manche Menschen blühen in ständiger Interaktion, in gemeinsamen Projekten und in der Energie einer Gruppe auf. Andere wiederum fühlen sich in Autonomie, Ruhe und ungestörten Umgebungen wohler. Entscheidend ist nicht, sich einer sozialen Norm anzupassen, sondern die eigene natürliche Funktionsweise zu respektieren.
Letztlich erinnert uns diese Forschung vor allem an eines: Was wir manchmal allzu voreilig als „Fehler“ bezeichnen, kann einfach eine andere Art sein, in der Welt zu sein. Und diese menschliche Vielfalt ist ein wahrer Gewinn.
