Im Winter beneidet man insgeheim die Bären, die das Privileg haben, Winterschlaf zu halten, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Man würde sich am liebsten in seine gemütliche Höhle zurückziehen und erst im nächsten Frühling wieder die Augen öffnen. Dieser soziale Rückzug ist nicht nur etwas für Kaltblüter; er ist auch eine wichtige Entscheidung für die psychische Gesundheit. Winterschlaf ist ein Wellness-Ritual, mit dem man noch heute beginnen kann.
Winterschlaf, ein selten gepriesenes, lebensrettendes Ritual
Nach dem Weihnachtstrubel sehnen Sie sich nach Ruhe und Frieden. Wahrscheinlich träumen Sie davon, den Rest des Winters eingekuschelt in eine Decke in Ihrem gemütlichen Nest zu verbringen und erst bei wärmeren Temperaturen wieder aufzutauchen. Die gute Nachricht: Sie brauchen weder ein dickes Fell noch müssen Sie ein Bär sein, um Winterschlaf zu halten.
Falls Ihre Biologiekenntnisse etwas verblasst sind, frischen wir Ihr Gedächtnis gerne auf. Winterschlaf ist ein faszinierendes biologisches Phänomen. Er dient einigen Tieren als Überlebensstrategie, um den kalten Winter mit seinem knappen Nahrungsangebot zu überstehen. Der Winterschlaf ist eine Phase fast lebensbedrohlicher Lethargie. Für uns, als soziale Wesen, die zu Feierabenddrinks, Teambuilding-Aktivitäten und wöchentlichen Happy Hours verdammt sind, ist er die ultimative Erholung.
Anders als Bären und Murmeltiere haben Sie einen Job, soziale Verpflichtungen und WhatsApp-Gruppen, die Sie beschäftigen. Es geht also nicht darum, zwei Monate lang durchzuschlafen, sondern darum, Ihre Energie zu schonen und zur Ruhe zu kommen. Menschen, selbst die zivilisiertesten, stellen sich den Winterschlaf auf ihre Weise vor: mit dampfenden Tassen, einer flauschigen Decke, einem dicken Buch und einem Flachbildfernseher. Nur wird diese soziale Auszeit verpönt und fälschlicherweise als Faulheit oder Depression interpretiert. Der Beweis? Sie können keine Einladung ablehnen, ohne sich eine fadenscheinige Ausrede einfallen zu lassen. Dabei ist der Winterschlaf, im positiven Sinne des Wortes, notwendig für Ihr inneres Wohlbefinden.
Winterschlaf zur Selbsterhaltung: Erkenntnisse eines Psychologen
Sich zurückzuziehen ist in erster Linie ein Akt des Selbstschutzes, eine Geste der Selbstfürsorge . Nichts für ungut gegenüber Ihren feierfreudigen Freunden und nachtaktiven Kollegen. Angesichts der bedrückenden Nachrichtenlage, des trüben Wetters und der mentalen Überlastung verspüren Sie vielleicht das Bedürfnis, sich zu isolieren. Das ist kein Zeichen von Kummer und auch kein typisches Symptom von Introvertierten; es ist vielmehr eine hervorragende Maßnahme zur Selbstfürsorge. Diese vermeintliche Auszeit ist eigentlich gar keine richtige Auszeit: Sie bietet Raum für Introversion, Heilung und Erholung.
„Man könnte auch eine Parallele zur Verpuppung ziehen; es ist ein abgeschlossener Raum, in dem wir uns verändern. Es ist ein Übergangsraum, eine Zeit der Besinnung, ähnlich wie im Alter“, erklärt die klinische Psychologin Marion Blique in Marie Claire . Der Winterschlaf ist keine Zeit der Leere, sondern vielmehr eine Phase der Selbstfindung. Die Expertin führt sogar das Beispiel des Bären an, der nicht einfach nur in einem Asthaufen schnarcht. Er entspannt sich, bleibt aber wachsam. Genau das brauchen Sie: sich von der Gesellschaft zurückzuziehen, ohne zum griesgrämigen Einsiedler zu werden.
Menschlicher Winterschlaf: Eine Gebrauchsanweisung
Der Rückzug kann viele Formen annehmen. Manche Menschen verspüren das Bedürfnis, sich in ihren Zimmern einzuschließen und nostalgische Serien zu schauen, während andere die radikale Entscheidung treffen, einen Wellnessurlaub zu machen oder eine digitale Auszeit zu nehmen. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es geht vor allem um Vorbeugung, nicht um Heilung. Hören Sie also auf Ihren Körper und Ihre Gefühle. Sobald Sie an Ihre Grenzen stoßen, ziehen Sie sich in Ihre eigene Welt zurück.
Informieren Sie Ihre Angehörigen im Voraus, um sie zu beruhigen und unvorhergesehene Situationen zu vermeiden. Durch die Vorwarnung werden Ihre Freunde und Familie wahrscheinlich vernünftiger handeln, wenn es ums Ausgehen geht, und Sie nicht unter dem Vorwand, Ihnen zu „helfen“, zum Trinken drängen. „Letztendlich geht es bei dieser Auszeit darum, sich inneren Raum zurückzuerobern, damit man besser für ihn sorgen kann“, bemerkt der Psychologe beinahe philosophisch.
Tiere können uns viel über Wohlbefinden und Prioritäten lehren. Winterschlaf ist keine ferne Fantasie; er sollte eine medizinische Maßnahme sein, eine automatische Reaktion, wenn uns im Leben alles zu schnell geht.
